Am Morgen schillert die kristalline Schneedecke von den Gipfeln des Karwendels. Ich trage meinen langen, schwarzen Mantel, den pelzigen Kragen hochgeschlagen, schwer um die Beine flatternden Stoff; dunkler Kontrast zum weißen Massiv. Ich kann eine mongolische Prinzessin sein, wenn ich so gehe, im ersten Morgenlicht, mit Kälte vertraut, Steppenbewohnerin und Hüterin von Herden, ohne inneren Zwist, ohne den Versuch, woanders zu sein. Es sind diese wenigen Tage am Ende des Jahres, wenn der November in den Dezember kippt, an denen ich Ja sage zum Winter, die eisige Luft akzeptiere, das Enden und Verschwinden von allem will.

Ich denke in diesen Wochen oft daran, was es bedeutet, ein Kapitel zu schließen, zu handeln und dabei nichts mehr für sich selbst zu erwarten. In den Nächten stehe ich vor dem Haus, die Sterne wie mit Klingen geschnitten, nur nördlich der Alpen sind diese Erfahrungen möglich; splitternde Finsternis, eine präzise Vorstellung davon, von solchen Temperaturen dahingerafft zu werden.

In der Nacht zuvor in der Halle gab es einen stillen Moment. Minuten, in denen die Bewegung der Anwesenden verebbte, beinahe zum Erliegen kam. Die meisten standen zu diesem Zeitpunkt fast reglos, passiv bewegt, subtilste Form. In der Mitte des Kreises ein Mann - ich kenne ihn und weiß, dass ein hartes Jahr hinter ihm liegt, es Tage gab, an denen er zu schwach war, die Wohnung zu verlassen. Eine graue Decke auf den Schultern tanzte er mit gesenktem Blick, allein, während wir ihm zusahen. In solchen Nächten wird alles verhandelt. Ob wir leben oder sterben. Ob wir allein sind oder zusammen. Was in uns brennt und was daraus wird. Es ist nicht sprechbar, kein Intellekt, keine Theorie, nur ein Körper kann das tun …denn wir wissen und fühlen, dass das Grenzenlose schon in uns ist.

Später treffen sich unsere Augen. Ich geb ihm ein Zeichen durch den Raum, das Zeichen für Unsterblichkeit. Wenn ich nicht regelmäßig in solche Augen sehen kann, fühle ich mich sehr allein.