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Kontaktorgan

Heute Morgen in der S-Bahn einer Frau 25 Minuten lang dabei zugeschaut, wie sie sich schminkt. Wenn man aus der Pubertät raus ist, hat man gar nicht mehr oft Gelegenheit, jemandem in echt dabei zuzusehen; also nicht auf Youtube oder als Teil einer Performance.
Die Frau stieg am gleichen Bahnhof wie ich ein, warf sich in den Sitz und begann mit der Einrichtung ihres Gesichts: Grundierung, Abdeckung, Kontur, Puder, Rouge, Lidschatten, Lidstrich, Wimperntusche, Lippenstift und zum Schluss etwas, das ich als Augenbrauenliner bezeichnen würde. Sie war mittleren Alters, trug weiße Jeans und eine Businessbluse. Ich glaube es war Moritz von Uslar der das den Düsseldorflook genannt hat. Ich habe mich in den 25 Minuten gut unterhalten gefühlt. Schade war, dass sie mit dem Make-up nicht mehr so nahbar wirkte. Sie sah vorher sehr charmant aus, mit ihrem leicht verpennten Blick.

Wie mir eigentlich immer bei den Vorher/Nachher - Fotos die Leute vorher besser gefallen. Den Rest des Tages gehadert, ob ich aus der Beobachtung am Morgen schlussfolgern soll, selbst kein Make-up mehr zu nutzen. Gemerkt: nein. Geht noch nicht. Fühle mich doch recht gezeichnet von den vergangenen und bestehenden Krankheiten und will dem nicht konstant in die Augen schauen. Eine dünne Schicht Puder scheint genau den benötigten Schutz zwischen mich und die Umwelt zu schieben, damit ich mir nicht völlig roh vorkomme. Lieber wäre es mir anders. Lieber wäre ich in diesem Areal okay. Abwarten. Weitermachen.

Dann flaut in der Arbeit plötzlich alles ab. Nach der Raserei der letzten Wochen habe ich zum ersten Mal Zeit, mit einem Kollegen länger Pause zu machen, überflüssige Daten zu vernichten, Eiskaffee zu trinken.

Die spießige Blume habe ich auf Dauer doch nicht toleriert und wollte sie schon kompostieren. Der Nachbar, der gleichzeitig ein Freund ist, hat sie angeschaut und bestätigt: Ja, sie ist hässlich. Aber sie könne ein Loch im Sichtschutz auf seiner Seite füllen. Er hat die Blume ausgegraben und versetzt.

T.

Juni

Es passiert nichts in diesen Tagen. Das Heu wird eingeholt und ich muss nicht daran beteiligt sein. Nur vorübergehen.

Was ich gelernt habe sackt tiefer in mich hinein. Ich registriere passiv, dass es von selbst geschieht.

Die Mittagsstunden sind heiß. Ich wechsel von der Sonne in den Schatten und zurück. Es ist warm bis in die Nacht.

Gartenfiktion

Die Schafe sind wieder ausgebüxt. Jetzt stehen sie vor unserer Tür. Man darf ihnen nahe kommen - aber nicht streicheln!

Am Wochenende Fortbildung. Die Fortbildungen finden in einer Gärtnerei statt, die 80% der europäischen Print und Online Gartenzeitschriften mit Bildern versorgt. Daher stehen überall auf dem Gelände Kulissen. Hausfassaden ohne Haus dahinter, Zaunelemente, die nichts einzäunen, gut aussehende Hühner vor einem Tiny House, in dem niemand wohnt.
In, auf und über den Kulissen bersten Rosensträucher, wachsen Pfirsichbäumchen im Kübel, leuchten Walderdbeeren vor ins Gras gelegten Weidenkörben.

Ich bin nicht hier, um Fotografieren zu lernen. Ein Teil des Gewächshauses wird für Tagungen und Seminare vermietet. Die Inhalte der Fortbildung weichen drastisch ab von dem hier geschaffenen hortus concluses. Die Theorie ist dicht, die Praxisübungen noch dichter, es wird präzise beobachtet, umgesetzt und von Ausbilderinnen geprüft. In mehreren Runden wird jeder Schritt auf seine Wirkung hin analysiert, weitere Optionen angeschnitten, kleinteilig von den Teilnehmern rückgekoppelt.

Um so froher bin ich, in den Pausen und an den Abenden zwischen Fenchelbeeten zu streunen, an allem zu riechen, unter rauschenden Linden zu liegen. Der Chefgärtner läuft heiter und original mit Hut, Shorts und grüner Gießkanne durchs Bild und fordert uns auf, bitte viele Erdbeeren zu essen. Er ist kein Statist.

Ich denke hier oft an Tschechow, Sokolow, Anna Achmatowa. In Tschechows Gesellschaften werden mit Vorliebe an heißen Sommertagen Theaterkulissen in den Garten des Landguts gezimmert, ein Pappmond in den Baum gehängt, den Zusammenkommenden ein Text ausgehändigt. Und da stehen sie dann.

Irina: “Als ich heute erwachte, aufstand und mich wusch, schien es mir plötzlich, als sei mir alles klar auf der Welt, und ich wusste, wie man zu leben hat.”

Platonow: “Aber trotzdem begann der Kummer der allgemeinen Lage Woschtschew wieder zu quälen, er spürte manchmal das gesamte äußere Leben als das eigene Innere.”

Achmatowa: “Wir werden nicht aus einem Glase trinken, kein Wasser und auch keinen süßen Wein, des Morgens nicht in einem Kuss versinken, noch aus dem Fenster sehen im Abendschein.”

Sokolow: “Da kommt ein Soldat mit einer Feldmütze, nimmt ein Stück Kreide und geht auf den Waggon zu, er schreibt: Noch zwei Monate beim Barras. Da kommt ein Bergmann, seine weiße Hand schreibt lakonisch: Säue. Ein Sitzenbleiber der fünften Klasse schreibt: Marija Stepanna - Hure. Eine Bahnhofsarbeiterin in einer organgefarbenen Weste zeichnet auf den Waggon eine Wellenlinie. Ein Bettler mit Ziehharmonika nur zwei Worte: vielen Dank. Schließlich verlässt der Zug das Abstellgleis und rattert durch die Weiten Russlands.

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She said, there’s a way to work through it.
You won’t be damaged forever.

P.

Immer wenn ich denke, die Pfingstrose habe ihre maximale Öffnung erreicht hat, geht sie eine Stufe weiter. Ich weiß nicht, wie sie das aushält. Diese Ausdehnung, Auffaltung, das totale Exponiertsein.

Gestern war der Mond ein Ei. Ich folge ihm und seinen Formen; den verbeulten, halbfertigen, zurück gehenden. In meinem Gedächtnisspeicher habe ich ein Mond-Depot angelegt.
Darin archiviert sind käsegelbe Vollmonde über Fichtenwäldern und bleich rosa Dreiviertelmonde über klirrend kalten Schneefeldern. Einige der Monde hängen über Hochhäusern, mehrere sinnliche Sicheln vor pflaumenblauen Abendhimmeln. Und es gibt auch, besonders gut verwahrt, einen an Bergzacken entlang schrammenden rötlichen Giganten.

Allerdings, der vielleicht wichtigste Archivmond befand sich vor einem Jahr in der französischen Provinz. Es hatte unter den Freunden den ganzen Tag über unterschiedliche Aussagen und Einschätzungen dazu gegeben, wann genau der Mond über diesem Dorf aufgehen würde. Eine Stunde harrten wir zu Neunt an der warmen Hauswand, um in der Sekunde des Aufgangs da zu sein. Wir waren da. Und schrien vor Glück, als er hochging.

Ich habe ein bisschen Angst vor dem Tod. Es ist das gleiche Gefühl, das ich jedes mal vor einem Übergang spüre. Der Schritt in und durch das eigene Dunkel. Der Abschnitt, den ich allein gehen muss. In dem es keine Ausflüchte mehr gibt.

Ich ahne/erkunde diese Unausweichlichkeit in dem gleichen Maß, wie ich meine Geburt noch irgendwo in mir ertasten kann. Der Anfang von mir. Wie ich mich hineingedreht habe in dieses Leben. Ausgeliefert und voller Bereitschaft.

Wir waren an einem Wasserfall am Sonntag. Das Wasser läuft an den Hängen runter, in die Felsspalten, bringt die steinigen Sammelbecken, zum Überlaufen und verzweigt sich zum Schluss in den Flussarmen. In einer der grünen eisigen Gumpen baden wir. Es presst einem die Luft aus der Lunge. Man muss japsen, kreischen, johlen, schnappatmen und alles tun, was spontan zur Verfügung steht. Es existiert in solchen Gumpen kein Gedanke. Sensorisch eine einzige Überforderung.
Später dann der friedliche Weg nach Hause.

Today

Am Abend zieht Sturm auf. Die Pfingstrose ist kurz vorm Platzen. Ich glaube, sie braucht noch genau einen sonnigen Tag. Entlang des Fensters habe ich eine Girlande aus Duftwicken gepflanzt. Ich lag im Mai einige Male betört unterm Fliederstrauch und ich werde im Juni einige Male betört meine Augen im Kelch der Wicken schließen.

Ich bin hier angekommen, wie ein Loch, nach zwanzig Jahren City. Zu keinem menschlichen Kontakt gewillt. Außerhalb meines Freundeskreises wollte ich niemanden sehen, mit niemanden sprechen, vor allem niemanden hören.

Weiter hinten ist versehentlich eine spießige Blume herangewachsen. Auf dem Foto im Bestelldatensatz sah sie nicht so aufdringlich und plump aus. Um sie auszugraben ist es zu spät, sie gedeiht gut in der feuchten Ecke, wo sonst nur Schnecken und Steinasseln zurechtkommen.

Gestern sind beim Hof an der Kurve die Lämmer ausgebüxt und auf die um diese Uhrzeit stärker befahrene Hauptstraße gelaufen. Es sind eigentlich keine Lämmer mehr, sondern Teenager - in ihren Bewegungen liegt Bockigkeit und Lust auf Rangeln, es kotzt sie jetzt alles ein bisschen an; die langweiligen Elterntiere und der dumme Hof. Als ich in ihre Richtung gehe, öffnet sich zeitgleich die Tür der kleinen Wohnanlage gegenüber und heraus treten zwei alte Bewohner, die für die Fütterung wilder Katzen in der Gegend zuständig sind und auch generell das allgemeine Tierwohl im Blick behalten. Zusammen lotsen wir die Schafe zurück zur eingezäunten Wiese.

Die zwei Alten sind scheu und misstrauisch. Ich habe sie schon einmal angesprochen, worauf sie verhuscht und etwas verkniffen geantwortet haben. Ich traue mir dennoch zu, ihr Vertrauen zu gewinnen. Wer nachts mit 40 km/h durch den Wald fährt, um bremsbereit für wegquerende Füchse zu sein, ist auch im Stande das Herz einer greisen Catlady umzustimmen.

Soviel habe ich jedenfalls gestern in Erfahrung gebracht: 2 der wilden Katzen sind im Frühjahr bei der Catlady eingezogen, die restlichen 3 präferieren ihr Outdoorleben zwischen Schafstall und Trafohäuschen.

Bleiben

Nach den Tagen in der Behörde liege ich unaufgeräumt in der Wohnung und bin zu nichts in der Lage. Draußen feucht warm. Es wächst Farn. Ich unterlasse es, zu lernen, mit meiner freien Zeit etwas anzufangen. Am Samstag hebe ich mich auf und fahre in die Stadt. Vor der Ludwigskirche hängen transparente Fahnen. Eine blaue Kugel vor durchsichtigem Grund. Neben den vielen hässlichen Flaggen auf dieser Welt existieren also auch noch ein paar ganz schöne.

Die Nacht wird lang. Im Hirschgarten sitze ich mit Freunden um ein Grillfeuer und esse Frühlingsrollen. Je dichter die Dunkelheit, desto näher fühle ich mich den Menschen. Ich brauche dazu keinen Alkohol. Das war nicht immer so. Beides haben zu können - Verbindung zu mir und Verbindung zu anderen - das ist der große Rausch, nachdem ich so lange gesucht habe. Er ist nicht verfügbar, dieser Rausch, er gehört mir nicht, ich kann ihn nicht herstellen. Mich lediglich bereithalten und konstant hinwenden zu mir.


Unweit unseres Platzes auf der Wiese fasst sich eine Familie oder ein Familienverband an den Händen und tanzt einen folkloristischen Reigen. Ich glaube, es wäre okay, rüber zu gehen und mitzumachen. Der Mond ist eine Sichel. Das Gras kaum kühler als die aufgeheizte Luft. Die Dunkelheit hat in dieser Nacht etwas von einem samtenen Tuch. Ich kann mich wickeln in das Tuch, ich spüre es auf jedem Zentimeter Haut.

Weiterhin beschäftige ich mich mit Ohnmacht. Hat sich ein Wort erst einmal Zutritt verschafft, geht es in der Regel auch die nächsten Monate nicht mehr weg. Es muss von allen Seiten benagt werden. Angefangen hat es im Februar mit der Ukraine. Dann im März der Tod von N. Dass ich ihn nicht am Leben erhalten konnte. Der Größenwahn, zu meinen, jemanden am Leben erhalten zu können.

Die verschwommene Erinnerung in der Stunde nach der Nachricht, im Kreis gelaufen zu sein. Auseinanderfallen.

Jemand, der sich mit Ohnmacht auskennt, schreibt:
Auf Ohnmacht antworten wir gern mit Macht. Mit Aktivismus.
Eine Tat zu tun ist leichter als das Unaushaltbare zu halten.
Sind deshalb unsere Taten vergeblich? Nein. Aber sie ändern nichts an unserem Ausgeliefertsein.

Du könntest den Bergen die Adern aufschneiden,
als Zeichen eines großen Gerichts.
Aber dir liegt nichts daran.
Sanften Gesichts siehst du
den Tragenden zu.
[Rilke]

Wirf dein Hab und Gut aufs Meer. Vielleicht kommt es zurück zu dir

Dann kommen Freunde. Wir gehen auf einen Berg. Wir gehen zum See. Der Wind bewegt das Gras, hoch und ungemäht an der Stelle mit den lila Blumen. Einem Kind wird ein Kranz ins Haar geflochten, die anderen sichten Greifvögel, eine schwarze Schlange kriecht vorbei, die dicke Zunge des sehr jungen Kalbs leckt über meinen Handrücken.

Die Abstufungen des Ausgeliefertseins beschäftigen mich. Die kleinen Kontrollverluste jeden Tag. Und die große Ohnmacht. Ohne Macht in diesem Leben zu stehen.

An die kleinen Kontrollverluste versuche ich mich zu gewöhnen. Mitzuschwimmen, wenn möglich. Die Ohnmacht hingegen.

Fiktionsbescheinigungen. Die Behörde, in der ich aushelfe, presst weiterhin im Eilverfahren Wissen in mich hinein. Die Ukrainer, die mir später am Tag gegenüber sitzen, sind auf dieses Wissen angewiesen und pressen es wieder aus mir heraus. Alles, was ich sagen kann ist unvollständig und eigentlich nicht genug und nur mit akutem Mitarbeitermangel in einer Krisensituation zu rechtfertigen.

Die Mütter schaukeln Kinder im Arm, während wir nach 45 Minuten immer noch weitere Nachweise von ihnen wollen; für das Mittagessen in der Schule, für noch nicht erhaltene Versichertennummern und Nebenkostenaufstellungen im Untermietvertrag der temporären Unterkunft. Dennoch: die Ukrainer kommen vorbildlich vorbereitet zu den Terminen, legen ihre gut sortierten Dokumentenmappen auf den Tisch, werfen sich auf den Arbeitsmarkt, auf den Wohnungsmarkt, in die Sprachkurse, in das Dickicht der Verfahren.


W.

Woschtschew nahm in der Wohnung seine Sachen in einen Sack und ging nach draußen, um an der Luft seine Zukunft besser zu verstehen.

[Die Baugrube, Andrej Platonow]