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2023

Fast Februar

Die Bergkette erscheint heute schwindsüchtig und bleich. Ein allerhellstes Blau vor weißem Licht; in Bodennähe Nebel und weiter oben Farbauflösung. Selbst für ein Pastellaquarell wäre das zu wenig deckend. Gerade deshalb ist es natürlich fabelhaft. Eine Halluzination von Winter.

Es ist fabelhaft und anstrengend. Jeden Tag taut es für ein paar Stunden und jede Nacht friert alles wieder fest. Die Kälte schneidet, die Wege sind glatt, Erwachsene hangeln sich mit aufgerissenen Augen vom Laternenmast zum Gebüsch zum Treppengeländer zum S-Bahnsteig und es ist viel erreicht, wenn das ohne Sturz bewältigt wird. Er wäre eine gute Woche, um das Haus nicht zu verlassen, gerade jetzt aber liegen viele Termine an und ich bin mit den Bedingungen des Hin- und Zurückkommens mindestens so beschäftigt wie mit den Terminen an sich.

In einer Arbeitsgruppe mit Leuten, die sich zum Teil noch nicht kennen, bläst sich ein Mann bereits in der Vorstellungsrunde ganz schön auf. Als er zu einem bestimmten Zeitpunkt einer anderen Person ziemlich uninformierten Käse erzählt, hinterfrage ich seine Aussage. Er eskaliert umgehend in der hässlichsten Weise. Ich bin sehr wütend und kann mich lange nicht beruhigen. Freue mich aber, dass ich seine mangelnde Interaktionsfähigkeit entlarvt habe und die anderen das mitgekriegt haben. Besser, es ist gleich beim ersten Treffen klar, dass man es hier nicht mit einer harmlosen Person zu tun hat.

Frauen in meiner Altersspanne sollten 8-17 Liegestütze am Stück schaffen. Ich kann 0,5. Gelegentlich nehme ich einen Anlauf, trainiere und kann irgendwann 2. Dann werde ich faul und bin wieder bei 0,5. In meiner Tanzgruppe tanzen ein paar ältere Damen und ich nehme ihre Prognosen sehr ernst; die nachlassende Knochendichte, das Frakturrisiko, die verminderte Regenerationsfähigkeit. Eine schön geschminkte Achtzigjährige hat zu mir gesagt: Zum Schluss sind es nur Muskeln, die diesen Schrotthaufen zusammenhalten.

In der Institution wird nun jeden Monat ein Babyboomer verabschiedet. Kaum eine Woche ohne Ankündigung einer Feier anlässlich bevorstehender Pensionierung. Mit den meisten war eine verlässliche und angenehme Zusammenarbeit möglich. Wenn die Stellen weiterhin unbesetzt bleiben, hätte ich nichts dagegen, wenn KI ein paar davon übernimmt.

Vor einer Weile hatte ich eine ziemliche Obsession mit der japanischen, ländlichen Architektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ich hatte Bruno Taut “Das japanische Haus und sein Leben” gelesen und sah mir nachts die Filme von Ozu Yasujirō an, wegen der Innenräume, nicht wegen der Handlung.

Bruno Taut verließ Deutschland 1933, nachdem die Nationalsozialisten ihm die Professur an der Akademie der Künste entzogen hatten. Auf Einladung befreundeter Architekten lebte er drei Jahre in Japan, beobachtete seine Umgebung und notierte. Eindrücklich beschreibt er die erste Nacht in einem traditionellen Haus mit Außenwänden aus Papier (im Winter). Fazit: Innentemperatur = fast wie Außentemperatur. Die Idee bestand darin, den Körper zu wärmen, nicht den Raum. Daher die an der Feuerstelle aufgeheizten kleinen Metallstangen, die man sich in Ärmel und Falten der Kleidung legte.

Nachdem Bruno Taut alles mögliche beobachtet und festgehalten hatte (Toiletten und Lichtstimmung auf den Toiletten, Stauraum und Kochstelle, Religion und Nichtabschließbarkeit der Türen) widmete er sich dem Teehaus im Garten:

“Gebaut wurde eine literarische Idee. Hütte in der Natur, Vergänglichkeit des Menschenlebens, Genügsamkeit an bescheidenen Dingen, Liebe für alles dies und infolge davon: Stille des Herzens.”

Nothing stands alone

Aktuell werden ein paar junge Menschen durch das Büro geschleust, deren berufliche Laufbahn ihnen nicht erspart, vier Wochen in meiner Abteilung hospitieren zu müssen. Zu jedem einzelnen von ihnen möchte ich sagen: aufrichtiges Beileid. Sie sind bemüht, die jungen Menschen. Sie versuchen die Augen offen zu halten, streichen ihre Haare aus der Stirn und geben gelegentlich einen Laut von sich, um wenigstens vokal anwesend zu bleiben. Es hilft nichts. Ihr Körper ist zu jung für das hier.

Die für die Vermittlung zuständigen Kollegen sind seit dem Sommer in einer task force organisiert, in der sich vierzehntägig der Kopf darüber zerbrochen wird, wie man Hospitierenden vorgaukeln kann, die Tätigkeiten in unserer Abteilung würden Spaß machen. Die Körper der jungen Menschen lassen sich aber nicht belügen. Ich sehe sie sitzen unter dem Gewicht ihrer Langeweile, sie können nicht fassen, der Schule, der Uni, dem letzten Praktikum entkommen zu sein, um jetzt schon wieder durch eine Masse aus Daten zu waten, die keinerlei Emotion in ihnen hervorruft.

Und doch ist es so. Die Institution ist auf Menschen angewiesen, zur Not auch auf gelangweilte. Wie überall gibt es aber keine Menschen mehr, jedenfalls keine, die sich bewerben. Manchmal treffe ich auf dem Gang die Leute vom Recruiting. Sie winken nur ab, wenn man nach den unbesetzten Stellen fragt. Ich will unter diesen Umständen nicht wissen, mit welcher Verzweilfung Krankenhäuser, Pflegeheime und Bildungseinrichtungen den Fachkräftemangel verwalten.

Jetzt zum Mond. Ich muss mich korrigieren. Ich hatte geschrieben, auf dem Mond gäbe es nur flache Erhebungen. Das ist falsch. Es gibt einen 5.500 Meter hohen Berg auf der Vorderseite und einen fast 10.800 Meter hohen Kraterrand auf der Rückseite. Auf der Rückseite ist auch der tiefste Punkt des Mondes. Ein rund acht Kilometer tiefes Einschlagloch.

Der blauweiß marmorierte Trabant im unteren Bild ist einer der 82 Monde des Saturn. Seine Oberfläche ist bedeckt mit Wassereis, weshalb er 99 % des bei ihm ankommenden Sonnenlichts reflektiert. Er hat das größte Rückstrahlvermögen im Sonnensystem, das heißt er reflektiert Licht stärker als frisch gefallener Schnee.

Unterdessen schneit es auf der Erde, da wo ich wohne. Es fängt am Morgen an, es schneit den ganzen Tag und dann bis in die Nacht. Die Felder verwandeln sich in eine japanische Kalligrafie. Ich verbringe etliche Stunden in einer Veranstaltung, aus der ich mich vorzeitig in gebückt - gesenkter Haltung hinausschleiche, eine U-Bahn nehme und der Beschreibung in den Park folge, um den Ort zu finden, an dem heute getanzt wird.

Eine kleine Turnhalle unter kahlen Bäumen, beim Betreten knarzen die schweren Holztüren. Es gibt in diesem Stadtviertel einige alte, allein stehende Turnhallen, gebaut um die Jahrhundertwende, kaum größer als zwei Klassenzimmer, oft mit Bühne an einem Ende des Raumes, manchmal in Jugendstiloptik. Als ich eintrete ist es dunkel und es wird dunkel bleiben, die Anwesenden nur gelegentlich rot erhellt von der zurückhaltenden Lichtanlage. Durch schmale Fenster sind die unbewegten Bäume des Parks zu sehen und überall in der großen schwarzen Luft weiße Flocken. Die starken farblichen Kontraste des Januars werden in dieser Nacht getoppt von den akustischen Polen, draußen still, drinnen laut. Ich tanze einigermaßen vorgekocht, da in den Stunden zuvor bereits einiges geboten war an grenzwertig intensiven Gefühlen, Forderung und menschlichen Aufgaben. Es wundert mich daher nicht, dass ich mich gegen Ende an den Rand der Menge stelle und eine Minute lautlos weine, weil eine junge Frau in meiner Nähe ein Lied singt, dessen Inhalt ich aus Kitschgründen eigentlich ablehnen müsste. Sie singt lauthals, mit offenen Augen und mehrmals hintereinander:

Die Sonne ist mein Bruder, meine Schwester ist der Mond.
Die Sonne ist mein Bruder, meine Schwester ist der Mond.

Am nächsten Abend sitze ich mit Freunden in einem Lokal, in dessen durchgewetzten, hellgrünen Polstermöbeln wir seit zwei Jahrzehnten alles feiern, was Menschen widerfahren kann: sich verlieben, heiraten, älter werden, sich verlieren, die anderen verlieren, krank werden, ratlos werden, wieder auf die Beine kommen, von vorne beginnen, weitermachen. Es ist mir mittlerweile recht egal in welchen Ansichten, schlechten Gewohnheiten, politischen Vorlieben und charakterlichen Schwächen wir uns unterscheiden, solang ich gelegentlich Flanke an Flanke zwischen diesen Leuten in die Runde schauen kann, während mein Heimatplanet durch den Weltraum fliegt.

Nachtrag: Die Toiletten der Turnhalle im Park wurden vermutlich in den 70’ern saniert und befinden sich in einem Zustand, den ich noch aus meiner Schulzeit kenne. Auch die eigentlich großartige Vorrichtung, um nachhaltiges Händeabtrocknen zu ermöglichen, versagt auf die gleiche Weise wie damals.

Alle Mondfotos: Mondlandschaften, Thorsten Dambeck, 2022

Hinter uns die Maschinen

Es ist warm. Der Winterhimmel an diesem Abend aprikosenfarben. Es wäre ein guter Tag gewesen, um nach der Arbeit auf einen der nahe gelegenen Berge zu steigen, den Sonnenuntergang abzuwarten, mit der Stirnleuchte runter zu gehen, während es dunkel wird.

Ein Freund hat sich ein Fernglas gekauft, wir schauen bei Tageslicht auf den Mond. Die Krater sind gut zu erkennen, die Mondhaut pockennarbig und kreidig. Ich habe, obwohl ich mich sehr für den Mond interessiere, bisher nie durch ein Fernglas oder Teleskop auf ihn gesehen und rufe einen Verblüffungslaut, als er ins Bild rückt. Er ist wirklich eine Kugel. Wie wir.

Planetenforscher vermuten, der Mond sei nach seiner Geburt in näheren Bahnen um die Erde gekreist. Nur ca. 200.000 Kilometer entfernt von uns. Das ist ungefähr die Hälfte seiner jetzigen Entfernung. Er wirkte größer und war deutlicher auszumachen. Leider bewegt er sich jedes Jahr 3,8 Zentimeter von uns weg. Ich finde das nicht gut.

Im Büro sitze ich einmal in der Woche neben einer etwas älteren Kollegin. Menschen wie sie gab es früher viele in der Institution. Sie sterben jetzt alle aus. Immer wenn die Kollegin für einen Moment den Raum verlässt, schaue ich auf ihren Schreibtisch und versuche mir alles einzuprägen; diese Art sich zu verwalten, diese Art sich am Arbeitsort wohnlich einzurichten - wird bald für immer verschwunden sein. Ich zähle 24 gespitzte Bleistifte in dem Keramikhalter neben ihrer Tastatur, zwei gerahmte Familienfotos, eine Weihnachtstassensammlung, eine Reisetassensammlung, eine Reihe kleiner Pflanzen in bunten Töpfen. Dahinter im Regal ein auf Servietten angerichteter Obstteller mit bereitgelegtem Obstschneidemesser. Daneben ein (vom Büromanagement verbotenes) privates Möbelstück, in dem 4 Handcremes, 5 Geschirrtücher, 6 Vasen, 3 Handtücher und eine Vorratspackung Gummihandschuhe aufbewahrt werden. An der Wand dahinter zwei Wandkalender mit erbaulichen Motiven und ein neunbändiges Lexikon, dessen Inhalt eigentlich auch digital vorliegt. Unsere Abteilung ist erst Ende November in dieses Gebäude eingezogen. Wann hat die Kollegin all das hier her gebracht?

Früher, als es noch kein Büromanagement und kein Verbot privater Möbelstücke am Arbeitsplatz gab, kam es regelmäßig zu Räumungen, wenn Mitarbeiter krank wurden und aus dem Dienst ausschieden oder aus anderem Grund nicht wiederkehrten. Es fanden sich dabei Kühlschränke, Toaster, Kassettenrekorder, Gartenstühle, Nachtkästen, fünfarmige Deckenstrahler, Wechselkleidung für alle Jahreszeiten und Hausschuhe. Viele der damaligen Mitarbeiter verbrachten ihr gesamtes Berufsleben, 40 Jahre, in der Institution. Ich glaube, sie rechneten einfach nicht mehr damit, dass das jemals vorbei sein könnte.

Es gibt immer wieder kleine Mondbeben. Meistens auf der Seite, die unserer Erde zugewandt ist. Was eventuell an der Gravitation der Erde liegt. Umgekehrt hebt und senkt sich die Erdoberfläche um ein bis zwei Meter, je nachdem wo der Mond gerade steht. Als der Mond der Erde noch näher war, bog und verformte sich unsere Oberfläche in erheblichem Maß.

In meiner anderen Aufgabe nage ich mich durch das Klassifikationssystem der psychischen Erkrankungen. Letzte Woche die Kapitel zum Formenkreis der Schizophrenien abgeschlossen. Es ist die erste Runde. In einem halben Jahr werde ich das alles noch einmal anders kennenlernen. Mein begleitendes Tier in diesen Wochen ist der Biber. Sein beharrliches Hineinraspeln in den Baum. Vielleicht habe ich schon einmal darüber geschrieben: Biber nagen den Stamm nie ganz durch. Sie hören rechtzeitig auf und lassen den Rest vom Wind erledigen. Ich mag diese Haltung. Selbstschutz. Und Vertrauen in die Elemente.
Nachtrag: Sie nagen die dicken Stämme nicht ganz durch, die dünnen schon.

Ich habe ChatGPT noch nicht ausprobiert, lasse mir aber gern von allen möglichen Leuten erzählen, was sie damit machen. Mehr als die Ergebnisse interessiert mich, welche Fragen die Fragenden stellen. Was die Person will, tut, erwartet, wie sie davon erzählt, worüber sie lacht, wie genau die Annäherung vor sich ging. Passenderweise lese ich gerade wieder Buber. “Mein Du wirkt an mir, wie ich an ihm wirke. Unsere Schüler bilden uns, unsere Werke bauen uns auf. Wie werden wir von Kindern, wie von Tieren erzogen. Unerforschlich einbegriffen leben wir in der strömenden All-Gegenseitigkeit.”

Angenagter Baum - Foto Simon Mer
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38109529

Schwelle

Am letzten Tag des Jahres fahre ich zum Fluss und lege meine Hand ins Wasser. Es ist nicht eiskalt, es hat ungefähr Oktoberkälte. Ich streife durch die Uferböschung, das Rot der kahlen Weidenzweige und das Beige des trockenen Schilfs. Im Kies drehe ich die Steine um. Ich habe hier noch nie einen grünen Stein gesehen, kann mir aber vorstellen, heute einen zu finden.

An Silvester mache ich nichts. Ich mache sogar den Fehler, um 22:30 Uhr mit einem Projekt anzufangen, das ich lange aufgeschoben hatte. Nach 20 Uhr zu arbeiten oder irgendwas erreichen zu wollen ist gegen meine Regeln. Ich habe sehr strikte Regeln, um mich davor zu bewahren ein unentspannter Mensch zu werden. Es läuft dann auch total frustrierend.

Am ersten Tag des neuen Jahres gehen wir auf einen Berg. An der Bergflanke traben Gämse durch kniehohes papiernes Gras. Die Tiere sind gut genährt oder haben ein dichtes Winterfell, auf die Entfernung ist das schwer zu sagen. Es ist so warm wie sonst im Oktober oder März, das letzte Stück legen wir im T-Shirt zurück und ich kriege Kopfweh, weil ich schnelle Temperaturwechsel nicht vertrage.

Mehrmals kommen Freunde zu Besuch, wir sitzen um den Tisch, liegen auf dem Teppich und stehen auf der Straße in milder Luft. Der Winter liegt schon weit zurück, die Ziegen des Nachbarn schlafen in der Sonne mit ihren lächelnden Gesichtern. Beim Lernen bin ich in den Kapiteln zu Störungen aus dem schizophrenen Formenkreis angekommen. Es geht voran, dennoch muss ich ab Morgen das wöchentliche Pensum erhöhen. 2023 starten zwei Zusatzausbildungen, zwei Lerngruppen und voraussichtlich werde ich eine Weile in einer Einrichtung hospitieren. Ich kann es kaum erwarten, die Erkenntnisse und Fertigkeiten in meine Arbeit zu implementieren.

Den grünen Stein finde ich noch am letzten Tag des Jahres. Er liegt in der Bucht im flachen Flussbett, wo ich im Sommer häufig saß und dem Wasser zusah, wie es um mich herum vorbeifloss. Das Wasser hat mir geholfen. Viele Stunden darin zu sitzen. Eine leibliche Erfahrung zu machen, bevor ich verstehe, warum ich genau diese Erfahrung will. Unverhältnismäßig viel Zeit damit zu verbringen. Das Wasser so lang zu fühlen bis diese eine verkrustete Stelle in mir flüssig wird, nachgibt, die Kontrolle verliert. Das ist das Gegenteil von mir. Es ist das, was ich wollte, ohne es wollen zu können.

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2022

Dezember

Im Kurs sind fast alle krank oder verhindert, wir tanzen zu dritt; meine Lehrerin, eine andere Frau und ich. Wir sind vertraut miteinander, vertraut mit den Rhythmen des traditionellen ägyptischen Tanzes und dem arabischen Gesang. Daher sprechen wir kaum und die Lehrerin gibt keine Hinweise. Wir vollziehen unsere Bewegungen, lose zusammengehalten von Schrittfolgen, die Menschen vor rund zweihundert Jahren entwickelt haben, um sich fortzubewegen, zu feiern, einen Anfang zu machen, ein Ende.

Die dunklen Flecken des Mondes werden Mondmeere genannt, weil man sie ursprünglich für Wasseransammlungen hielt. Was für damalige Astronomen wie Ozeane aussah, sind Tiefebenen, Becken und Senken, oft rund, in denen erstarrte Lavadecken liegen. Entstanden sind sie vermutlich durch Einschläge, als der Mond noch jung war und sein Mantel flüssig.

Ich kann nicht genug betonen, wie aufregend ich die Fähigkeit eines Planeten, Steins, Tiers, Menschen finde, zu einer bestimmten Zeit seiner Existenz flüssig und später fest und vielleicht noch später wieder flüssig oder etwas anderes zu sein. Die Möglichkeit irdischer und außerirdischer Körper vom Moment der Zeugung oder Entstehung an, viele gewisse und ungewisse Stadien zu durchlaufen. Die nicht abgeschlossene Umgestaltung, selbst wenn dazwischen für 1 Milliarde Jahre mal Ruhe ist.

Den Mondmeeren wurden Namen gegeben. Sie heißen Meer der Kälte, Meer der Gefahren, Schlangenmeer, Meer der Begabung, Meer der Fruchtbarkeit oder Meer der Heiterkeit. Die meisten Namen stammen von dem Astronom Giovanni Battista Riccioli, der 1651 eine Karte der dunklen Mondflecken anlegte.

Auf dem Mond gibt es auch Erhebungen, flach aufgewölbte Rücken, die Berge genannt werden und maxmimal 100 Meter hoch sind. Die Berge tragen ebenfalls Namen, meist den eines Gebirges oder einer Person der Erde. Sie heißen zum Beispiel Karpaten, Mont Blanc, Berge des ewigen Lichts oder auch einfach mal Dieter.

Ich glaube für Mondbewohner ist Dieter der Gipfel, den man gut bei gleichgültiger Laune und mäßiger Kondition an einem Montag im Februar machen kann. Wenn sonst nichts ist.

Nachtrag: Nein. Es gibt auch hohe Berge auf dem Mond.
https://unendlichkeitsfiktion.de/i/

Am Tag vor Weihnachten gehe ich in den Wald. Die Waldarbeiter, die hier im Winter Nadelbäume fällen, lassen immer einen großen Haufen Zweige liegen. Direkt an der ersten Weggabelung. Ich weiß nicht, ob das eine Art Serviceleistung für das Dorf sein soll. Jedenfalls gehe ich mit einem Arm voll Zweige nach Hause und binde sie zusammen. Der Zweighaufen an der Weggabelung im Wald ist so groß - er könnte zwei Dutzend Kranzbinde-Workshops in einer beliebigen Stadt Deutschlands mit Material versorgen.

Ich habe eine sehr konkrete Erinnerung daran, wie meine Mutter und etliche Tanten Ende der Achtziger in einem Wohnzimmer voller Trockenblumen sitzen. Am Tag darauf hing in jedem Haushalt der weitläufigen Verwandtschaft ein Flechtwerk aus Disteln, Ähren und Lavendel an Eingangstüren oder Flurwänden. Diese Gestecke hingen dort zum Teil bis weit in die Neunziger.

Ich bin eine harte Linie gefahren im Dezember und habe 2/3 aller möglichen Veranstaltungen, Institutsfeiern, Konzerte, Umtrünke, zusätzlichen Termine im Rahmen der Fortbildung und zusätzlichen Termine im Rahmen der Tanzgruppe abgesagt. Und siehe da, ich kam zur Besinnung. Jetzt gegen Ende ist mir fast ein bisschen langweilig geworden. Ich fühle mich ausgeruht, friedlich und bereit für Kontakt.

Mondfoto: Helmut Adler www.fotodesigner.org

Weiterhin Winter

Es schneit in dicken Flocken. Beim morgendlichen Vorhangzurückziehen stellen sich tschechische Märchenfilmimpulse ein. Kurz lockt der Gedanke mit offenen Haaren und nichts als einer Schafwollweste überm Leinenkleid in den Schnee zu rennen, ehe beim Öffnen des Fensters dieser Gedanke im Keim erfriert. Diese Wochen sind nur mit Outdoorkleidung zu bewältigen. Outdoorkleidung der Sorte, die mehr mit Astronautenanzügen als mit Impulsen gemein hat.

Wenn ich in Sozialen Netzwerken Fotos sehe von Menschen, die vor winterlich anmutender Landschaft in knöchelfreien Jeans und lose um sich geschlungenen Schals Winter-coziness ablichten, weiß ich, dass bei denen nicht wirklich Winter ist. Dass diese Leute gerade einen etwas kälteren Tag in Texas erleben oder eine sachte Schneewehe im Süden Frankreichs.

Wenn hier Winter ist geht nicht mehr viel. Tagsüber ist das anstrengend, weil man ja doch manchmal einkaufen oder zu einer S-Bahnstation fahren muss und dabei alles mitnimmt: Schneegestöber, Glatteis, kaum Sicht, eingefrorene Schlösser, am Holzboden festgefrorene Stiefel.

Dafür sind die Nächte selten schön. Still und zugedeckt von der weißen Masse. Die Kapelle auf dem Feld unter einer orthodoxen Schneelast, noch entrückter als sonst.

Bei einem Onlinemeeting zu den Vorschriften im neuen Gebäude weist die Abteilungsleitung darauf hin, keine Nacktkalender mehr in den Büros zu dulden. Man muss sich das vorstellen. Meine Kolleginnen und Kollegen, die mitunter 7-8 Jahre brauchen, ehe sie einem das Du anbieten, die präferiert hochgeschlossene Kleidung in gedeckten Farben tragen, die auch nicht unter äußerster Bemühung ihres Willens dazu in der Lage sind, in der Anwesenheit einer anderen Person ein vulgäres Wort über ihre Lippen zu bringen. Von diesen Menschen soll jemand einen Nacktkalender in seinem Büro hängen gehabt haben, sichtbar? Natürlich verleitet mich die Erwähnung der neuen Vorschrift zu zeitintensiven Überlegungen. Wo könnte besagter Kalender gehangen haben; bei externen Mitarbeitern im Magazin, Praktikanten in den Ausweichbüros oder in einem der Lager, wo ausrangierte Mikrowellen und Tastaturen gestapelt werden? Ich unterstelle den übrigen Teilnehmern des Meetings ähnliche Erwägungen. Ein paar sehe ich verhalten lachen - stumm geschaltet.

Unterdessen habe ich es nicht geschafft vor dem Kälteeinbruch den kranken Baum im Garten zu beschneiden. Eigentlich spricht alles dafür, ihn zu fällen. Ich sag das nicht gern, aber es ist so: Dieser Baum bringt nichts. Und es braucht mindestens ein Peter Wohlleben’sches Verständnis vom Wert eines Baumes, um ihm einen etwaigen unterirdischen Nutzen bei der Versorgung anderer Bäume zuzugestehen. Oberirdisch ist der Baum eine Katastrophe. Aber ich will nicht vorschnell handeln und lasse mich gern von Gandalf erziehen: Man weiß nie wofür ein anderes Wesen noch da ist. Es war ja auch zum Schluss Gollum, der den Ring endgültig entsorgt hat. Und nicht Frodo. Wir erinnern uns.

Wenn ich das Geld zusammen habe, wird sich vielleicht ein professioneller Baumschneider das mal ansehen. Und dann schauen wir weiter. Es schneit immer noch. Es schneit den ganzen Tag.

Winter

In etwa vier Wochen beginnt die Paarungszeit der Füchse, ich habe bereits einen von ihnen auf den Schnee bedeckten Feldern herumturnen sehen. Die Anbahnung einer Fuchspartnerschaft ist kein leichtes Unterfangen. Bevor es zur Paarung kommt prüfen sich die beiden, indem sie miteinander kämpfen, sich zärtlich umschlingen und voreinander weglaufen. Dabei geben sie Laute von sich, die menschlichem Schreien nicht unähnlich sind. Ich war im letzten Januar einmal eine halbe Stunde Beobachterin, als zwei Füchse sich um den Weiher jagten, ineinander verknoteten und nacheinander schnappten. Man kann ihnen nur wünschen, dass der ganze Stress sich lohnt.

Gestern Abend bin ich am Ende des Herrn der Ringe angekommen und bewege mich auf die letzten Seiten zu. Die Handlung wurde für mich erst interessant, als die Beschaulichkeit des Shire, das ständige Essen, Singen und Verwandtschaft Antreffen vorbei war, ich habe mehrere Kapitel davon übersprungen und stieg wieder ein, als Frodo dem Auenlandplüsch den Rücken kehrt, die Tür hinter sich zumacht und geht.

Ich war zwanzig, als ich mit Fieber im Bett lag und die Trilogie zum ersten Mal las. Obwohl mir das Buch damals gefiel glaube ich im Nachhinein, nicht viel davon verstanden zu haben. Vermutlich die oben aufliegenden Worte und eine Ahnung vom Textkörper darunter. Vielleicht musste ich vierzig werden, ehe ich die Grenzen der einzelnen Figuren erfassen, ihre quälende Sehnsucht nach irgendwas und irgendwem teilen konnte.

Es hat mich diesmal sehr mitgenommen; die für die Gefährten von Anfang bis zum Schluss anhaltende Unsicherheit darüber, was zu tun ist und wie. Die permanent zu treffenden Entscheidungen, während es vorne und hinten an Informationen und Erfahrung mangelt. Die zunächst noch empfundene Stärke durch die Anwesenheit der Gruppe und das auf sich selbst zurück geworfen Sein, als diese Gruppe zerschellt. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten ist jeder und jede einmal vollkommen allein und muss absteigen in das Bergwerk des eigenen Ichs.

Es hat mich schier gekrümmt, wenn Eowyn davon berichtet, nichts zu kennen als Stagnation und Verfall. Ein Zustand, der sie im weiteren Verlauf wohl tatsächlich ereilt hätte, wäre sie nicht für eine Weile in die Kleidung, Rüstung und den Namen einer anderen Gestalt gestiegen. Dass diese Verfremdung nötig war und es für sie keinen anderen Weg gab. Die Filme stellen natürlich verkürzt dar, in den Büchern werden diese Passagen ausführlich erzählt.

Wie überhaupt alle Beteiligten konstant in ihren Gedanken Hin- und Herstolpern im Versuch, privates Glück zu konservieren bei fortschreitender Erkenntnis der Unmöglichkeit eines privaten Glücks im globalen Unglück. Daneben aber dennoch die Stunden von Freundschaft und Schönheit aufgenommen werden, nicht verschleudert. Dass es, auch wenn die Bücher von einem Jahr des Krieges berichten, um Erhaltung geht und Verbindung. Letztlich um eben das Singen, Essen und Kooperieren in einem Gefüge, dessen Ausmaß niemand überschauen kann.

An einer Stelle überreicht Galadriel Sam ein kleines Behältnis mit Erde. Sie sagt sinngemäß: Falls du diesen Krieg überlebst und falls es dann auf der Welt noch Orte gibt, in denen man Gärten anlegen kann, beginne mit diesem Behältnis, in dem etwas heil geblieben ist und nicht verbrannt.

Advent

Am Samstagabend sitze ich mit einigen Bekannten und Freunden in einem funktionalen Raum auf dem Boden und esse Pizza aus Kartons. Wir haben die Neonröhren ausgeschaltet, Lichterketten an das Flipchart und die Wanduhr gehängt, leise Musik angemacht und damit den Raum hinreichend weihnachtlich umgepolt. Es ist das Ende eines langen Tages und der Abend vor einem weiteren langen Tag und die meisten in der Runde sehen so erschöpft aus, wie man nur aussieht, wenn grundsätzliche Dinge einmal komplett auf links und im Anschluss wieder zurückgedreht wurden.
Ich bin auch müde und unterhalte mich mit meinem Nebensitzer auf dem Boden und frage ihn dabei nach dem für ihn wichtigsten Satz in einem bestimmten Film und er überlegt eine Weile, beugt sich vor, sagt den für ihn wichtigsten Satz und dann kommen ihm die Tränen. Ich schaue in sein Gesicht und denke, dass das meine neue Realität ist: umgeben zu sein von Leuten, die ungefähr in der Mitte ihres Lebens angekommen sind, einigermaßen versehrt dastehen, zulassen, dass dieses Leben sie weiterhin trifft und beschlossen haben, nicht dicht zu machen.

Dann springt die Playlist zu Bowie, ich stehe auf, drehe lauter und tanze, während ich damit hadere, immer der Depp zu sein, der anfängt mit dem Tanzen; diese Entäußerung, mein Körper, der Hunger nach allem. Ich versuche mich abzufinden mit meiner unfreiwilligen und nur halb gewählten Tendenz, Anschauungsmaterial abzugeben. Es kommt dann aber anders und Bowie hat noch nicht zu Ende gesungen, als ein recht großer Teil der Anwesenden neben und mit mir tanzt und erst kann ich es nicht begreifen und als ich es begreife macht etwas in mir: oh.

Am Dienstag darauf sind die Pfützen auf den Straßen eingefroren und spiegelglatt, ich fahre ins Büro, arbeite ein paar Stunden und friere in dem ausgekühlten Gebäude. Es ist eines dieser Gebäude, die prinzipiell irgendwann warm werden, in dem Finger und Füße aber durchgehend kalt bleiben. Die gefürchteten zitronengelben Institutsregale, die zwei Jahrzehnte in einem Magazin standen und nun mein Büro bestücken sollen, wurden angeliefert und stellen sich als ockerbraun heraus. Ich bin erleichtert. Zitronengelb ist eine so hässliche Farbe und sie hätte mich aufrichtig gestört. Gegen Mittag bemerke ich, den ganzen Tag noch keine anderen Mitarbeitenden angetroffen zu haben, die Türen sind zu, auf dem Gang nichts zu hören. Ich gehe in die Teeküche, um mir einen Tee zu machen und sehe das:

So sind sie, meine Kollegen. Langsam zum Zorn, ausdauernd und regeltreu, gehemmt beim Smalltalk, fair und loyal, vergnügt wenn keiner hinsieht. Ich bin sicher, der oder diejenige, die das getan hat, kam heute extra um 5:30 Uhr rein, kauerte mit verdrehten Knien und Pinzette in der Hand eine Stunde vor diesem Altar der Detailverliebtheit und glomm vor kleinteilig organisierter Lust. Solche Menschen stürzen kein Regime. Ist ein Regime aber erst mal gestürzt, leisten sie hervorragende Aufbauarbeit, archivieren die Vergangenheit und verschicken an alle den Link mit den Zugangsdaten.

Eine Etage tiefer

Am Mittwoch das Handy zu Hause vergessen, den Tag als Detox verbucht. Es liegt Raureif auf den Feldern, jeder Grashalm grenzt sich kristallin vom nächsten ab, das Licht zersplittert an den Zweigen. Ich habe den Übergang geschafft und bin in der Kälte angekommnen, schlafe länger und ziehe drei Pullover übereinander, wenn ich vor die Tür gehe. Mit dem Lernen geht es voran, auf Dunkelheit und Reizarmut ist einfach Verlass.

Eine Nachbarin hat uns eingeladen. Sie ist 70 und lebt so, wie ich mit 70 leben will. Manchmal, wenn ich an den bodentiefen Fenstern ihres Hauses vorübergehe, sehe ich sie zusammengerollt in einem Sonnenquadrat auf dem Teppich liegen. Wie eine Katze. Vor zwei Jahren ist sie beim Klettern am Berg abgestürzt und musste gerettet werden. Sie ist schon immer geklettert, hat dabei einige Freunde verloren und war recht verblüfft, dass ihr jetzt tatsächlich selbst so ein Absturz passiert. Während sie die Felskante runterschlitterte und sich überschlug gingen ihr drei in sich abgeschlossene Gedankengänge durch den Kopf. Alle drei hatten mit Liebe zu tun.

Im Keller die Fotokiste gefunden, raufgenommen und im Wohnzimmer auf dem Boden ausgeleert. Alles nach Jahrzehnten systematisiert, eingetütet und zurück in die Kiste gelegt. Gemischte Gefühle gehabt.

refuse no longer cautious animal
no harm, no harm
will the river bring
to the raw element you are

Hier sind wir nun also

Ich war mir der Verwöhnung bewusst, jahrelang in einem der schönsten Viertel Münchens gearbeitet zu haben. Es bestand auch im Kolleginnenkreis kein Zweifel über die Verschlechterung, die ein Interimsquartier, wo auch immer es liegen mochte, zwangsläufig sein musste. Und es hat in Gesprächen zum bevorstehenden Umzug niemand gejammert ohne den Hinweis auf das hohe Niveau der Jammerei, die zeitgleich anderswo stattfindenden Kriege, die schonungslose Zerstörung von Ökosystemen und Verarmung von Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Zu Letzeren habe ich bis vor gar nicht langer Zeit selbst gehört. Das ist der Kontext.

Innerhalb dieses Kontexts fuhr heute Morgen eine U-Bahn in den Stadtteil ein, in dem hundertfünfzig Mitarbeiter und ich nun eine Weile lang (5-10 Jahre) in einer Büroscheibe verräumt sein werden. Ja, so heißt das wirklich: Büroscheibe. Und wenn man drin wohnt, heißt es Wohnscheibe. So steht es geschrieben. Genauso wie: Gebäudespangen, Streckenast und Einkaufsriegel. Ich mag die Architektursprache und finde sie gleichzeitig so abartig, enthoben und kapitalismusversaut, dass ich sie nur benutzen kann, wenn ich sie nicht ernst meine. Ich sitze also heute Morgen in der U-Bahn, die auf diesem Streckenast oberirdisch fährt und sehe aus dem Fenster. Anstatt zu beschreiben, was in mir vorging, trage ich hier mal zusammen, wie es zu diesem Stadtbild kommen konnte.

Der Wohnungsnot in den 60’er Jahren antwortete der Münchner Stadtrat mit dem Bau von Entlastungsstädten. Satelliten im abgelegenen Norden, Westen und Süden der City. Die Planungsgruppe unter Egon Hartmann (Karl-Marx-Allee, Berlin) erarbeitete für das Areal im Süden einen vielschichtigen Entwurf sich wild kreuzender Bedürfnisse. Das heißt leben, trinken, arbeiten, auf Leute treffen, mit denen man gar nicht verabredet war, fürs Abendessen einkaufen, noch raus zum Fußball spielen, im Atelier versacken oder doch zum Konzert - war alles so verdichtet, dass es einer gewachsenen Stadt sehr nahe kam. Die Natur war in diesem Entwurf nicht in die kleinteilige Begrünung von Wohnanlagen verbannt, sondern rankte in großen Ringen und Flächen um die Stadt herum und über die Parks in sie hinein.

Dieser Entwurf wurde auf Wunsch der Stadt im Sinne einer wirtschaftlicheren Bauausführung erst zurückgeschnitten und dann zugunsten einer klaren Trennung von Wohn- Einkaufs - und Bürozonen komplett aufgegeben. Bürgerhaus, Volkshochschule, Bibliothek, Sportplätze, Kino, Musikkonservatorium, Künstlerhof, Eislaufen, Hallenbad entfielen ersatzlos.

Eugen Hartmann sagte die Degeneration dieses künftigen Stadtteils voraus, beteiligte Architekten distanzierten sich, noch während der ursprüngliche Entwurf abgeändert wurde, um den Prämissen einer autogerechten Verkehrsführung, gleichförmiger Gebäudeausrichtung und Ausdehnung der Wohnriegel zu entsprechen. Es half nichts. Es fand sich einer, der das umsetzte.

Der erste Künstler, der dann 1969 in dieser Entlastungsstadt etwas tun durfte, buddelte einen vier Meter tiefen Trichter in die Erde und nannte ihn: Munich Depression.
Stieg man in den Trichter hinab, verschwanden die Gebäude aus dem Blickfeld und nur ein Stück freier Himmel blieb übrig. Der Künstler hatte sofort verstanden, wie man hier nur zurechtkommen konnte. Den Trichter gibt es nicht mehr. Er wurde überbaut.

Zurück zu mir und meinen hundertfünfzig Kolleginnen und Kollegen. Die Stimmung ist gut. Sie ist geknickt, aber gut. Wir haben die Büros bezogen, wir haben den halbleeren Edeka gefunden, wir haben gefühlt, dass wir uns in einer nicht für Menschen gemachten Architektur befinden und das akzeptiert. In die neue Küche setzt niemand freiwillig einen Fuß rein, aber jeder bleibt an dem Teetisch in meinem kleinen Raum ein paar Minuten stehen und wärmt sich auf. Einmal sind es 9 Menschen gleichzeitig, was eine große Summe ist, eine dichte Zahl, eine synaptisch interessante Atmosphäre, die wir erschaffen, während sie draußen nicht existiert.

Wie kommt das Wasser auf den Berg?

Seit etwa zehn Jahren gehe ich in die Berge, im Sommer sehr oft, im Winter manchmal. Jedes Mal, wenn ich dort bin, kommt der Moment, an dem ich aus einem Bach trinke und mich frage, warum Wasser in dem Bach ist. Woher der Bach oder die Quelle das Wasser nimmt. Mittels einer einminütigen Googlerecherche lässt sich diese Frage beantworten. Warum ich das nie direkt auf dem Berg, gleich nach dem Trinken erledigt habe, weiß ich nicht. Sobald ich zu Hause war, waren alle Gedanken an Bäche vergessen und ich bin zehn Jahre unwissend herumgelaufen.

Meine Mitwanderer sagen in der Regel: Schmelzwasser. Oder Regenwasser. Wenn im August aber alles staubtrocken ist und es vier Wochen nicht geregnet hat, macht das keinen Sinn. Die nächste Antwort lautet: Unterirdisch. Das Wasser wird irgendwie unterirdisch durch den Fels geleitet und kommt an einem Punkt raus. Dann müsste es aber riesige unterirdische Wasserreservoirs geben, die weit oben am Berg, nur wenig unterhalb des Gipfels liegen, denn auch so weit oben, sprudelt es heraus. Nonstop. Die Wasserspeicher können auch nicht im Tal oder auf halber Höhe des Bergs liegen, weil Wasser nicht ohne Druck aufwärts fließt und der Kapillareffekt in der Größenordnung vermutlich nicht greift. Ja, es hat mich wahnsinnig gemacht. Aber immer nur ein paar Sekunden und dann sind wir weitergegangen und es war vergessen. Letzte Woche endlich habe ich auf einer Wissen für Kinder - Seite nachgeschaut. Und damit das jetzt ein für alle Mal für mich klar ist, fasse ich es hier zusammen:

Das Wasser in den Quellen ist ursprünglich Schmelzwasser und Regenwasser, das in den Berg einsickert. Also in die Gesteinsschichten, in Hohlräume und buchstäblich in die einzelnen Steine selbst einsickert. Denn: Steine nehmen Wasser auf und geben es sehr langsam, durch winzige Poren wieder ab. Es gibt Steine, die noch Wochen nach einem Regenschauer Wasser aus sich herausfließen lassen. Unfassbar.
Steine sind wasserdurchlässig. Bei festen Gesteinsarten dauert das sehr lang, bei Sandstein geht es schnell. Das aus den einzelnen Steinen, Spalten und Hohlräumen herauströpfelnde Wasser, trifft manchmal im Berginneren auf eine undurchlässige Schicht - zum Beispiel eine Tonschicht. Auf der Tonschicht staut sich das ganze Wasser und sprudelt am nächstbesten Loch, der Quelle, gesammelt hervor.

Ich schreibe erst jetzt darüber, weil ich doch fast die ganze Woche gebraucht habe, das mit den Steinen zu verkraften. Ich habe immer ein paar Steine zu Hause neben meinem Bett liegen und verbinde mit ihnen alle möglichen Zustände, zum Teil mir selbst unklare und unaussprechbare. Und jetzt zu erfahren, dass sie winzige Poren haben und bei aller Festigkeit auch Schwamm sein können, Speichermedium für etwas Flüssiges, also das genaue Gegenteil ihrer vordergründigen Qualität aufnehmen, in sich halten und wieder abgeben können. Mich macht das sehr glücklich. Es macht mich rasend vor Glück.

Elf

Zwei Jahre habe ich die provisorische Homeofficesituation ausgesessen bis mir nun langsam klar wird, wie ich die zur Vermehrung neigende Technik feierabendkompatibel verräumen und am andern Tag mit wenig Aufwand aufbauen kann. Es haben sich Geräte und gadgets angesammelt, aber kein Arbeitszimmer, in dem sie unauffällig auf mich warten könnten.

Im Ofen brennt jetzt jeden Tag ein Feuer. In die Glut schauen und synchron zur Freude darüber an andere Städte und Menschen denken. Diese zufällige Sicherheit. Wäre man nur 2-3 Länder weiter oder 3-4 Jahrzehnte früher geboren, die eigene Belastung, mit der man sich aktuell trägt, schiene erstrebenswert und leicht im Vergleich.

Ich höre, wie solche und ähnliche Sätze auch gesprochen werden, um persönliche komplizierte Gefühle mit einer Hand vom Tisch zu wischen. Der Verweis auf das akutere Leid anderswo. Ich betrachte diesen Verweis neben seiner einordnenden Funktion privater Umstände auch als Flucht ins Unendliche. Als eine Überholspur, um an der konkreten eigenen Situation vorbeizuziehen. Ich kenne von mir diese Überforderung und den daraus resultierenden Aktionismus/Verweis auf dringendere Angelegenheiten und weiß, dass ich diese Tendenz zähmen muss, um hilfreich zu sein. Dass es meine Konzentration und Auseinandersetzung mit dem Konkreten braucht, um das Machbare zu tun, für mich und für andere.

Ich habe jetzt eine Wintersporthose, die warm genug ist, mir Lust auf fallende Temperaturen zu machen. Es war ein weiter Weg, der nicht aufgrund mangelnder Bereitschaft meinerseits lang wurde. Auch die jetzt erstandene Hose ist optisch nicht ganz aus dem Skizirkus raus, hält sich aber zumindest zurück, nur am Bein reflektiert eine Naht und ein unnötiger Schriftzug auf Höhe des Oberschenkels könnte mich ärgern. Ich tue so, als sei er nicht da.

Der letzte Tag im alten Arbeitsgebäude. Das brutalistische Treppenhaus, dessen Betonstille mich oft beruhigt hat, während ich in den vierten Stock rauf stieg, wird eingerissen und niemanden mehr durch sanftes Grau geleiten. Das Moos des Dachgartens in seiner Neonleuchtkraft glüht noch nach in meinen Gedanken.

Fluss im November

In der Arbeit verläuft ein Meeting, das potentiell eskalieren könnte, komplett konstruktiv. Sowas passiert an unterschiedlichsten Orten in unterschiedlichsten Kontexten immer wieder. Es gibt viele Menschen, die besonnen handeln, obwohl ihnen einiges abverlangt wird.

Als ich am Freitag die Leiter an den Apfelbaum lehne, bleibt ein Nachbar am Zaun zur Straße hin stehen. Wir plaudern eine Weile über Apfelsorten, ehe er seine im Juni verstorbene Frau erwähnt, die lange Krankheit und den Abendspaziergang jetzt zum Friedhof. Der Nachbar hat wasserblaue Augen und ein offenes Gesicht, in seinem Garten wachsen hundertjährige Bäume, seine Frau und er haben die Schneiderei im Ort betrieben, als es die Schneiderei noch gab. Ich habe den Mann vorher noch nie gesehen. Vermutlich war er in der letzten Zeit bis zu ihrem Tod häufig drinnen.

Zwei Tage bin ich sehr unruhig und verfalle einer dummen Gewohnheit, die sich immer einstellt, wenn ich unruhig bin. Dann bitte ich jemanden mich dabei zu unterstützten, der Unruhe auf den Grund zu gehen. Im Anschluss ist es besser. Ich sitze auf dem Sofa und tue buchstäblich nichts. Bade in dem Gefühl, nicht von mir selbst gejagt zu werden. Die Ruhe bleibt auch die folgenden Tage. Es fällt mir immer erst ganz zum Schluss ein, jemanden um Hilfe zu bitten. Es ist wirklich das letzte, was ich tue. Ich habe jetzt ca. 300 Mal die Erfahrung gemacht, wie mir fast alle, die ich darum bitte, gern und sofort helfen. Ich bin nicht mehr weit davon entfernt, zu glauben, nicht allein durch diese Welt gehen zu müssen.

In den Bergen sehen wir Fliegenpilze und erinnern uns an die Kalte Platte unserer Kindergeburtstage. Ei, Tomate, Mayonnaise. Wer kommt auf sowas. Wie gelangweilt muss man sein. Es führt kein Weg dran vorbei - der Fliegenpilz kommt dieses Jahr aufs Silvesterbuffet.

Am Wochenende treffe ich viele Leute und werde regelrecht aufgeschwemmt von Begegnungen. Ich mag diese Ausdehnung. Das Umfeld ist sicher genug, dass ich entspanne und verspielt werde, während gelgentlich Situationen um die Ecke kommen, die mich sehr fordern und überfordern. Am Morgen danach sitze ich am Fluss. Eine Stunde fließt er vorüber und hört nicht auf zu fließen.

lose Enden

Eine Freundin und ich unterhalten uns darüber, ob es einfacher wäre, eine einzige stark ausgeprägte Begabung zu haben und dahinter nur schwach oder kaum ausgeprägte Talente, die eindeutig zurückfallen und nicht vertiefenswert erscheinen. Die Idee, beispielsweise Cello spielen zu können und das richtig gut. Daneben aber ein miserabler Gastgeber, eine untermittelmäßige Gärtnerin, ein unmotivierter Freizeitsportler und eine lausige Programmiererin zu sein. Es bliebe einem nichts anderes übrig, als Tag und Nacht Cello zu spielen.

Der Gedanke, in irgendetwas sehr gut zu sein, birgt das Versprechen, sich dann auch sehr gut zu fühlen. Während der Ausblick, vieles mittelgut zu können und parallel zu bedienen, mittelmäßige Gefühle hervorruft.

Um mich in meinen vielen halbausgebauten und weit gestreuten Talenten zu genießen, muss ich daher gelegentlich den Wunsch nach Spitzenleistung verabschieden. Ungefähr alle 14 Tage.
Ich bin bereits einigermaßen routiniert darin, meine Mittelmäßigkeit zu feiern und könnte mir vorstellen, darin richtig gut zu werden. Dann wäre das mein Cello und ich hätte es doch noch zu etwas Außerordentlichem gebracht.

Nachts stehen jetzt wieder häufig Tiere in dem kurvigen Wald auf der Straße und funkeln mit ihren Augen in mein Scheinwerferlicht. Füchse, Rehe und wieselartige Nager. Ich schleiche im 2. Gang an ihnen vorbei und sage: Ihr seid so schön! Ihr seid die eigentlichen Bewohner dieser Welt. Und wir sind nur Müll.

Ein bisschen Menschenhass. Muss auch mal sein. Man kann nicht immer liebevolle Gefühle hegen.

In der Institution läuft es unauffällig. Im zweiten Job läuft es auch. Am besten läuft es am Wochenende in den Bergen. Einmal gehen wir in Kälte und Nebel rauf, einmal in dünnem Sonnenlicht, es werden Pläne für Zimtschnecken gemacht und Dinge besprochen, für die man weit weg sein muss von Zuhause.

Was heißt hier Dunkelheit?

Nur diejenigen, die mehrmals gestorben sind, leben. Es führt kein Weg an meiner Dunkelheit vorbei. Mir bleibt lediglich überlassen, mit welcher Haltung ich mich auf sie zubewege. Ob mich das Leben dahin schleppen muss oder ich freiwillig reingehe.

Wenn ich nach vorne schaue, sehe ich, dass ich alles verlieren werde:
- alle meine Freunde
- alle meine Fähigkeiten
- jede Unabhängigkeit
- meinen Verstand
- meinen Körper, den ich mittlerweile so liebe

Jedes Etwas wird zu irgendeinem Zeitpunkt gehen, wegsein, sich auflösen. Am Ende auch meine Spiritualität. Das leite ich daraus ab, dass Jesus, der vermutlich ziemlich spirituell war, in der Stunde vor seinem Tod sagt: Mein Gott, warum hast du mich verlassen.
Auch er hat also, zum Schluss, alles, wirklich alles verloren. Es ist nichts von ihm übrig geblieben. Nachdem er so weit gekommen war, Menschen heilen zu können, indem er sie nur ansieht, berührt, mit ihnen spricht oder mit ihnen Wein trinkt, bricht alles wieder weg. Zuletzt die einzige Person (Gott), die er bis dahin immer in sich wahrnehmen konnte. Man könnte von einem totalen Kollaps seiner Wahrnehmungsfähigkeit sprechen. Was nach stundenlanger Folter nicht verwunderlich wäre.

Ich denke, dass diese Art von Verlust manchmal sein muss. Ich hasse diesen Gedanken, aber ich halte ihn für wahr. Er deckt sich mit dem, was mir auch in anderen Denkschulen, Religionen und Naturphänomenen wahr vorkommt.

In der christlichen Mythologie kommt Jesus nach 3 Tagen und Nächten von den Toten zurück. Er hat einen umgestalteten Körper und ist irgendwie anders. Er ist so anders, dass seine Freunde, als sie ihn treffen, nicht gleich kapieren, dass er es ist. So anders ist er. Um sich auszuweisen, zeigt er ihnen seine Wunden. Die sind noch da. Einer der Freunde legt den Finger direkt in die Wunde. Ich finde das recht intim. Von beiden Seiten. Sich nah zu sein, wo es weh tut.

Ich glaube, darum geht es. Dass ich häufig sterbe und häufig anders werde. Reingehe in meine Dunkelheit, dort nach mir taste. Ob es 3 Tage und Nächte dauert oder 3 Jahre spielt keine Rolle. Die Zahl ist eine Metapher für eine magische Zeit, in der ich Dinge erlebe, von denen nur ich weiß. Und über die ich später nicht berichten kann.

Legolas

Es gibt ein spezifisches Herr der Ringe Wetter und eine spezifische Herr der Ringe Jahreszeit.

Während dieser Jahreszeit muss ich häufig über die einzelnen Figuren der Tolkienwelt nachdenken, nachlesen, was sie genau gesagt haben und wie ihre Entwicklung verlief.

Wenn ich während dieser Zeit mit Freunden wandern gehe, verstricke ich alle in ein mehrstündiges Abwägen darüber, wer von uns Aragorn, Gandalf, Frodo, Eowyn, Gimli usw. ähnelt, was das für unser weiteres Leben bedeuten könnte, welche Leiden vor uns liegen, welche Wendungen und Aufgaben.

In dieser Zeit kann ich dann auch meist 3-4 Sätze Elbisch sprechen und eines der Waldelbenlieder singen, ich kenne die Zweit- Dritt- und Viertnamen der wichtigsten Beteiligten und weiß was ihre Vorfahren im Second Age getan haben.

Der Herr der Ringe hat viel zu bieten, aber eindeutig zu wenig unterschiedliche Frauen, zu wenig nichtweiße Figuren und keinen einzigen Ork, der nach reiflicher Reflexion die Seiten wechselt. Und natürlich das Hauptproblem: die eindeutigen Seiten. Insgesamt ist der Herr der Ringe so wenig gesellschaftskritisch, so furchtbar hierarchisch, pathetisch und fixiert auf Geburtsrechte, dass es einem immer wieder den Magen umdreht.

Es reicht dann als Märchen, Seelenreise und Geschichte menschlicher Pfade aber doch weit genug, um mich seit zwanzig Jahren zu trösten, wenn Freundschaften eine schwierige Kurve nehmen oder ich mich mit mir selber im Unbekannten wiederfinde. Ich habe sie immer vor Augen - die Neun. Und die anderen darum herum. Ihre Waffen, Schwächen, Talente und Verluste. Und die Verbindungen, die sie eingehen, ohne zu wissen, was daraus wird.

Nächstenliebe

Samstagabend tanzen gegangen, vier Stunden, ohne Alkohol, ohne Drogen, ohne Reden, in einem Raum mit 170 Menschen, die wegen dem Tanzen kommen und Lust auf diese Einschränkung haben. Ich interessiere mich für meine Nüchternheit. Ich kann nüchternen Gefühlen etwas abgewinnen; meine Unsicherheit am Anfang, meine Angst vor Ablehnung, meine Angst vor Zuwendung, meine Aufgeregtheit vor jeder körperlichen Begegnung, selbst wenn sie berührungslos verläuft. Wenn ich an meiner Seite bleibe, mich nicht betäube, nicht ablenke, verwandeln sich die schwierigen Gefühle. Ich habe diese Erfahrung oft gemacht, ich weiß, dass sie sie eintritt. Ich weiß, der Rausch kommt. Ich bin der Rausch, der Rausch bin ich.

Nach dem Tanzen esse ich ein Snickers, trinke Wasser und steige in die S-Bahn. Es ist Mitternacht und ab jetzt alles gleichzeitig: Wiesn, Messe, Security, von Regen und Zuckerwatte heruntergewirtschaftete Kinder mit abwesenden Augen zwischen sturzbetrunkenen Erwachsenen in teuren Trachten und Jugendlichen in Brathendlkostümen. Eine Weile höre ich minderjährigen Engländerinnen dabei zu, wie sie rekapitulieren, wer wen wann auf welcher Bierbank angefasst hat, dann schweift mein Blick zu einem Mädchen, das einen Bund Radieschen aus ihrer Rocktasche zieht und mitfahrenden Männern zur Verköstigung anbietet. Die Männer essen die Radieschen und lachen. Ungefähr da merke ich, dass etwas nicht stimmt.

Ich bin schon oft in Ohnmacht gefallen. Es fängt mit Hitze an. Ungewöhnliche Hitze. Ab da habe ich noch circa 2 Minuten, um die richtige Entscheidung zu treffen. Die richtige Entscheidung ist immer, mich an Ort und Stelle hinzulegen, die Füße gegen die Wand zu lehnen und jemanden zu bitten, kurz mal auf mich aufzupassen. Leider aber lässt die Fähigkeit, rational zu handeln, sofort nach Auftreten der Hitze, rapide nach. Ich habe mich daher nicht auf den Boden sinken lassen und nicht die Beine hochgelegt, sondern eine Gruppe schwer lallendender junger Erwachsener angesteuert, um mich einen Moment auf dem freien Sitz neben denen auszuruhen.

3 Stationen später haben mich diese jungen Menschen aus der S-Bahn gezogen, ihre Strickjacken unter meinen Rücken geschoben und den Notartz gerufen, was nicht nötig gewesen wäre, aber das konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr erklären. Was ich trotz partieller Abwesenheit registrierte war, dass ein sehr liebevolles, besoffenes Mädchen namens Anna auf dem Asphalt saß, meinen Kopf hielt und dabei ihren schweren kühlen Busen auf meiner Stirn ablegte, dass jemand wiederholt versuchte, mich in die stabile Seitenlage zu drehen, während ein Mann namens Tobi sagte, er sei Ersthelfer in seinem Büro und die stabile Seitenlage sei falsch, dass darauf Anna mein Handy aus meinem Rucksack kramte und mehrmals: PIN, was ist deine PIN, rief, um dann die Bezugsperson anzurufen, die ich ihr nannte, um dann mit dieser auf sehr süße betrunkene Weise Denglisch zu sprechen, obwohl meine Bezugsperson einwandfrei Deutsch antwortete, wie sie das immer tut und immer getan hat.

Der Notarzt kam und meine Bezugsperson kam und die Nachbarfreundin kam und alle Werte waren okay und nichts Schlimmes passiert und Anna und Tobi und noch ein Anderer winkten und torkelten weiter und alles wurde gut und nächste Woche kaufe ich einen Tragerl Bier und bring das meinen Rettern vorbei, weil die Nachbarfreundin die kennt und weiß wo die wohnen.

Und so ist das. Manchmal gibt man viel Liebe und manchmal empfängt man viel Liebe. Und während 170 Leute nüchtern nach Hause gehen, wanken Hunderttausende ohne Impulskontrolle durch die Stadt. Und alle begegnen sich und keiner weiß, was an diesem Abend noch passiert.

Drinnen

Zwischendurch beansprucht eine Schreibaufgabe meine Aufmerksamkeit. Jetzt passt das schlechte Wetter wieder, denn ich muss mehrere Stunden Nachdenken und Notieren im Wechsel, was bei Sonnenschein eine Qual ist und nervt und nicht geht.

Am Montag auf einen sehr beliebten Berg gegangen, Apfelschorle getrunken und wieder runter getrabt. Kurz vorm Gipfel das für mich neue Phänomen; der Fels von hunderttausenden Händen, die sich daran raufgezogen haben, abgerundet und speckig. Wie Heiligenstatuen an Pilgerstätten.

Zurück im Garten pflanze ich Weiden und antizipiere das Geräusch, das ihre Blätter im Wind machen werden in 3-4 Jahren.
Im Bauernhaus nebenan ist ein Mann ausgezogen, den ich für so was wie den Hoferben und eine Instanz im Dorf hielt und der mir noch vor meinem Einzug über den Zaun seinen Namen zurief und sagte: Wenn du mal eine Motorsäge brauchst, sag Bescheid.

Es stellt sich heraus, dass er weder Hoferbe noch Instanz war, was eine Art kleine Erschütterung in dem eng gehäkelten Gefüge meines Bildes von dieser Nachbarschaft ist, die nicht so eng gehäkelt ist, wie ich das manchmal fantasiere.

Was aber genauso idealisiert ablief wie erwartet, war die Versorgung und Aufpäppelung der älteren Dame mit Oberschenkelhalsbruch, wohnhaft in dem gleichen Bauernhaus nebenan. Wochenlang rückten Verwandte, Bekannte und scheinbar von der Kirche abgestellte Helfer mit Fresskörben, Getränkekisten und Medikamenten ein, kochten, putzten, plauderten und rauchten anschließend eine Zigarette auf dem Balkon der Dame. Sie kann jetzt wieder gehen.

Derweil gibt es für mich bei weiter prognostiziertem Starkregen und Dauerregen keine Ausrede mehr, nicht mit dem Lernen anzufangen. Der Sommer kommt nicht zurück, auch wenn ich bockig die Tasche mit den Büchern ignoriere. Ich weiß, es wird mir wieder Spaß machen, sobald ich die erste Seite im Kopf habe, doch der von Mai bis August angemästete Schlendrian deutet auf die Wetterapp und sagt: Morgen, 12 Grad, trocken bis heiter, da könnte man doch noch mal baden gehen.

Wieso

Mit dem zur Seite kippenden Wetter komme ich schlechter zurecht, als erhofft. Ich bin noch nicht bereit für den Rückzug in Räume, zweifel aber auch an meiner Robustheit, d.h. der Fähigkeit bei weiter fallenden Temperaturen länger als 1-2 Stunden täglich draußen zu sein. Es gibt hier noch echte Winter, echte Kälte, Schnee schippen, Schneeverwehungen, wochenlang vereiste Straßen. Ich darf mich nicht reinsteigern.

In der Institution sind zwei Paletten fremdsprachiger Bücher eingetroffen. Am Dienstag sind die Bulgarischen über meinen Schreibtisch gewandert, Französisch und Türkisch folgten. Seit dem Frühjahr sitzt gelegentlich eine französische Kollegin im Büro. Ich mag ihr Seufzen und Lächeln, wenn sie die Stapel auf meinem Tisch entdeckt und in ihre eigene Sprache hineinblättert.

Mit Freunden an dem einen schrecklich aufgemotzten und uferverbauten See vorbei gefahren, um in das dahinter liegende abseitige Tal zu gelangen, wo eine kleine Bergkette mit teilverwilderten Aufstiegen zu einer unauffälligen Anhöhe führt. Dort im Gras gesessen. Geredet. Später Wasserschlacht.

Wertstoffhof. Ähnlich irrealer Moment wie beim ersten Einkauf in den Supermarktfilialen hier. Vor allem die Leere, Weite, die Neutralgelauntheit und Kontaktfreudigkeit des Personals. Es ist eine Umkehrung meiner Erfahrung mit öffentlichem Raum der letzten 10 Jahre in München. Niemand schreit, dreht durch oder beschallt einen mit politischer Gesinnung und schlechter Musik.

Daneben die Frage: Wo sind die psychisch Kranken hier? Wo sind die Instabilen, Gefährdeten, zu Grunde Gerichteten? Gibt es insgesamt weniger Gebrochenheit in dieser Gegend? Ist sie anders gedeckelt oder besser aufgefangen? Ist alles mehr heil? Drehen die Menschen in Großstädten nur ständig durch, weil sie zusätzlich zur individuellen Belastung auch konstant reizüberflutet werden?

Zumindest ich werde normaler in diesem Umfeld. Es ist noch nicht lange her, dass ich 1-2 Nächte pro Woche gar nicht oder kaum schlief. Wach lag bis 4 oder 5 Uhr, total übersteuert. Aufgescheuert bis an den Rand der Aufnahmefähigkeit, trotz Atemübung, Yoga und dem ganzen anderen Kram. Ich war überzeugt, ich kann besser werden, ich kann mich optimieren, die Nachbarn ausblenden, den Verkehr ausblenden, die Hubschrauber, Straßenfeste, die Geschwindigkeit und Baustellen. Ich wollte so gern stadtfähig bleiben.

Was hätte ich gemacht ohne meine relative finanzielle Stabilität, meine Hautfarbe und kulturelle Angepasstheit, die es mir erlauben, einen Gebrauchtwagen und Gartenmöbel anzuschaffen und mit offenen Armen von konservativen Vermietern zur Besichtigung ihrer kleinen renovierten Landhauswohnug eingeladen zu werden? Ich hätte die Nerven verloren. Wie die Kinder meiner Nachbarn in der damaligen Stadtwohnung, die jeden Tag stundenlang brüllten. Jeden Tag. Jeden Tag. 5 Jahre am Stück.

Je länger ich hier bin, desto lebendiger werde ich. Ich habe sogar wieder Lust auf Lautstärke. Ich tanze bei sich bietender Gelegenheit, ich drehe die Musik lauter, wen sie ohnehin schon laut ist, ich gehe vermeidbare Konflikte ein, provoziere Wasserschlachten, halse mir komplexe Aufgaben auf und will rangeln. Manchmal sage ich es mir, vor dem Einschlafen im Bett, immer noch etwas ungläubig: I’m back to my old self.

Und Sama’ Abdulhadi. Ich mag sie sehr. Das nächste Mal wenn sie in der Stadt ist, werde ich auch mit ihr tanzen. Everbody is like everybody [Sama Abdulhadi]

Kleidung/Enthemmung/Gebäudeverlust

Alle paar Jahre sagt Brad Pitt etwas, das mich nachhaltig prägt. Oder aufklärt über einen Sachverhalt, den ich bis dahin nicht dingfest machen konnte.

Vor Kurzem hat er zum Beispiel auf die Frage, warum er jetzt immer Leinenanzüge in ungewöhnlichen Farben trage, geantwortet, dass wir ohnehin alle sterben und es daher egal ist, was wir anziehen oder ob wir überhaupt etwas anziehen. Was ja eigentlich eine eher plumpe Betrachtung kollektiver Vergänglichkeit und unserem Verhältnis zur Mode ist. Ich weiß auch nicht, ob mir die Antwort gefallen würde, hätte sie jemand anderes geäußert.

Seit diesem Sommer gehe ich häufig in einem langen wehenden Rock spazieren. Es ist ein auffälliger Rock. Man kann ihn nicht nicht bemerken. Er fühlt sich gut an. Ich mag die Bewegung im Stoff und wie er fällt. Ich hätte ihn bis vor wenigen Wochen nicht tragen können, ohne mich zu winden unter dem Gefühl, eine lächerliche Schablone in einem lächerlichen Landlustkostüm in einem absurd idyllischen Abschnitt meines Lebens zu sein.
Aber jetzt denke ich: gönn dir.
Das hat Brad Pitt in mir bewirkt.

Ich wohne in einer Gegend, in der Kinder alleine draußen spielen. Auf dem Feld und im Wald, auch wenn sie erst sechs oder sieben Jahre alt sind. In den Bollerwagen, die sie hinter sich herziehen, sitzen ihre Kaninchen, Katzen und Lämmer und werden mit Gras und Salzstangen gefüttert. Diese Kinder nun haben mich und meinen Rock bemerkt. Sie sind fasziniert davon, sie schauen mich an und schauen mir nach. Ihre Irritation ist offensichtlich, sie wissen nicht, was ich bin und was sie mit mir anfangen sollen, suchen aber Gründe, mit mir ins Gespräch zu kommen. Manche trauen sich nicht her, können aber auch nicht anders, als von ihren Bollerwagen herüberzurufen: So ein schöner Rock!

Ein anderes Mal wurde Brad Pitt zu seiner Vergangenheit in einer amerikanischen Kirche befragt. Was er von den Phänomenen halte, die dort den Gottesdienstbesuchern widerfuhren; das Lachen, Zittern, Weinen, die Spontanheilungen und Enthemmung. Ob er diese Erfahrungen im Rückblick für Gruppentherapie halte, für körpereigene Drogenräusche, schamanische Reisen oder als das tatsächliche Handeln einer übergeordneten Gottheit. Brad Pitt sagte, er könne auch heute nicht beurteilen, was die Menschen da erlebt hatten, …I mean the people, I know they believe it. I know they’re releasing something. God, we’re complicated. We’re complicated creatures.

Heute war ich allein im Büro. Alle anderen im Homeoffice. Der Umzugstermin steht: 14. November. Ich werde diese Wände so vermissen! Der Raufaserteppich, das Waschbecken neben dem Schreibtisch, die braunen Türen, diese ganze 70‘er Jahre Gebäudedunkelheit. Ich fürchte, wenn wir zurückkommen, nach der Sanierung, wird hier alles clean und lichtdurchflutet sein.

Jeden Tag

Mittagsonne, Abendsonne, grell, gelb, mild. Der träge Wind. Das kühle Wasser. Wie es seine Kälte behält und gespeist wird von kalten Orten; weit, aber nicht sehr weit von hier. Ich liege an diesem Wasser, immer wieder. Betrachte die Weiden am Ufer, die Steine im Kiesbett, zehntausend, hunderttausend Steine. Während ich nichts tue, nichts lese, nichts lerne, nichts spreche findet eine Verwandlungen statt. Ich kann ihr noch keinen Namen geben. Ich bin nicht im Kopf und kann mich sprachlich nur schwer verständigen.

Ich bleibe wach, während dieser Umbau stattfindet. Er war überfällig. Ich habe ihn zu lange aufgehalten. Ich weiß nicht, was ist, wenn er vorbei ist. Wie ich dann bin. Als was ich rauskomme.

Parallel dazu bricht einiges auf und durch. Manchmal blättere ich in ein Buch rein, finde aber keinen Zugang, alle meine Zugänge sind belegt von mir selber. Ich bin das einzige Buch, für das aktuell Platz ist.

Erstaunlich verlässlich zeigt sich daneben die Arbeit. Am Tag meiner Rückkehr in die Institution gibt es ein kleines Welcome back Onlinemeeting für mich, bei dem wir uns freundlich, introvertiert und etwas betreten (so wie wir durch die Bank alle sind) anlächeln, um dann möglichst bald zurückzukehren in unsere Dateien.

Ich bin so gottfroh über meine unaufdringlichen, schüchternen Kollegen.

Eis der Woche: Zitronensorbet.

Tunk dein Brot in diese Schale

Wir gehen bei Regen in die Berge. Es tropft vom Blätterdach und von unseren Haaren, es läuft in die Schuhe und den Rücken runter. Am Wasserfall sind wir kurz unschlüssig, bevor einleuchtet, dass es jetzt um Hingabe geht. Wir ziehen uns aus und springen rein, der Endorphinausstoß folgt auf den Fuß, wie gut das alles eingerichtet ist. Es braucht diese verregneten Wanderungen, man muss sie manchmal machen, im Juli oder im August; sich einmal mittendrin befinden, aufweichen, aufquellen, keine Kontrolle haben, kein gutes Wetter.

Und dann wird es doch sonnig. Es wird heiß und dampft, der Wald kippt ins Tropische, schwarze Salamander und Blindschleichen kommen raus, alles perlt und trocknet in dieser abartigen Wärme, die nichts verlangt und nur gibt.

Wir sitzen und liegen lange auf den Steinen um die Gumpen herum, es werden Tankstellensemmeln gegessen und ein aus Schwäbisch Hall importierter Dialekt verhandlungssicher einstudiert. Jemand glaubt einen Aal zu sehen, aber dann ist es doch nur eine Forelle, es werden wieder Zecken aus den Beinen gezogen, Baumstämme am Wasser entlang geschleppt und Steine den Hang hinunter geschmissen, was man in den Bergen nicht machen soll und darf.

Ein Kind, das immer mit den Männern vorneweg läuft, verkündet: Vorne die Coolen, hinten die Schwulen. Worauf einer der Männer an seiner Seite erwidert, dass nichts dabei ist, schwul zu sein. Worauf das Kind eine halbe Stunde überlegt und dann sagt: Wir sind die Coolen und die Schwulen.

Es ist ein guter Tag. Es fließt an diesem Tag.

Man kann den Fluss nicht anschieben. Man kann ihn aber auch nicht aufhalten. [Zitat Gottlieb und viele andere Meister]

Ich liebe dieses Kind und schaue ihm zu, wie es zwischen den Erwachsenen hin und her pendelt. Das ist meine Gabe an diese Erde. Dass ich lieben kann, was mir nicht gehört. Und dass ich mitkriege, was passiert.

Bald

Der Mond heute ist eine weißgraue Marmorscheibe. Ich stehe unter ihm und will seine Herkunft in mich hineinschlürfen.

Im letzten Winter habe ich die fiktionale Nasa-Serie “For all mankind” gesehen. Die zweite Staffel ist draußen, aber ich spare sie auf für die kalte Jahreszeit. Ich kann nicht drinnen sein und den Mond auf meinem Laptop anschauen, während er in echt draußen hängt und es Sommer ist und alles schreit und krümmt sich: Ja
Die blauviolette Bergkette unter der Marmorscheibe. Das gemähte Heu, liegen gelassen zum Trocknen.

Am Montag bekomme ich Bescheid, dass bereits Ende der Woche mein ‘Ukraineeinsatz’ in der Behörde beendet ist. Es geht alles sehr schnell. Danke, Blumen, eine Runde, um mich zu verabschieden von diesem Haus der eAkten und Geflohenen. Ich gehe zurück in meine Institution.

Der kranke Freund ist jetzt in Lebensgefahr. Ich laufe über die Felder und winde mich unter der Machtlosigkeit, nichts tun zu können. In meinen Knochen steckt ein robuster Größenwahn, der anspringt, wenn sich Gelegenheit bietet. Ich bin überzeugt, wenn ich mich anstrenge, finde ich einen Weg, ich finde ein Wort, eine Tat, einen Satz und der Freund wird bleiben und nicht so früh gehen.
Er nüchtert aus, dieser mein Größenwahn, seit ein paar Jahren nüchtert er aus. Er ist nur noch ein halbstarker Wahn – aber er ist noch da und kämpft.

Ich glaube, dass wir Menschen uns gegenseitig retten können. Aber nicht jeder jeden. Und nicht oft. Und nicht umfassend. Vielleicht können wir punktuell einen anderen retten. An einer Stelle auf seinem Zeitstrang.

Eine Freundin war im Kloster und hat dieses Bild gemacht. Ich sehe sie sitzen in dieser Kammer vor einer Kammer. Und möglicherweise ist hinter ihr noch eine Kammer und sie musste viele durchschreiten, um fast bis ins Innerste vorzudringen. Dann denke ich an Jesus, wie er seinen bevorstehenden Tod ahnt und sagt, er wird drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.

Immer will ich sie vermeiden, meine Ohnmacht. Trotzdem wird sie es sein, die mich in meine innerste Kammer führt.

Und daneben Sommer. Ein Kofferraum voll Melonen. Grashüpfer in der hohlen Hand fangen. Nichts lesen oder lernen, weil zu jeder Tageszeit die Sinne in die Natur hinein aufgespannt sind und auch nachts beim kurz Wachwerden und Umdrehen in den Laken die Vogellaute und der Wind mich wecken, wecken, wecken, rufen.

August

Man kann betrunken werden von diesen Nächten. Von der Frequenz, auf der die Grillen zirpen, der Üppigkeit, mit der alles wächst, sich ineinander verschlingt und verrankt. Daneben bin ich auch betrunken von der georgischen Musik, von den cineastischen Bildern Levan Akins und der Art, wie meine Großmutter den Namen der Hauptstadt aussprach, manchmal Tiflis und manchmal Tbilissi sagte: Ja, in Tbilissi haben wir gewohnt, eine Weile.
Warum sie da gewohnt haben, wie lang, freiwillig, unfreiwillig - das ist nicht mehr einfach zu klären. Es war ein solches Durcheinander.

2019 waren auf einmal alle möglichen Freunde und Bekannte in Georgien. Alle sagten: Fahr hin. Es ist großartig.
Ich bin nicht gefahren, ich war beschäftigt. Es war kompliziert zu der Zeit und ich wollte keine weiteren Kompliziertheiten: Patriachat, Berge, Klöster, Homophobie, hineinzugeraten in Landschaften, an denen emotional zu viel dran hängt.

2011 hatte ich eine georgische Kollegin, die über Kafka schrieb. Sie lernte, noch in Georgien, Deutsch, um ihn im Original lesen zu können. Irgendwann reichte das nicht mehr und sie wanderte aus, um in seiner Sprache über ihn schreiben zu können. Ich konnte das nachvollziehen; sich in eine Kunstform so zu verlieben, dass man am Ende das Land wechseln muss.

2004 wurde ich von einem kanadischen Lehrer unterrichtet, der hatte sich in das japanische Theater verliebt. Er musste alles verkaufen, seine Karriere aufgeben, hinfliegen und in den Bergen eine Kampftechnik lernen, die Grundlage der Theaterform war und ohne deren Beherrschung man gar nicht erst aufkreuzen brauchte. Zwei Jahre lang wurde er von dem Meister der Kampftechnik keines Blickes gewürdigt und erst kurz vor Schluss mit einem stillen Nicken als äußerstes Zeichen des Lobes weitergeschickt. Mein Lehrer hat dann tatsächlich an japanischen Bühnen gespielt. Er hat auch eine Japanerin geheiratet und mit ihr und seinen japanischen Schwiegereltern in einem traditionellen Haus gelebt. Es hat nicht glücklich geendet.

Kameltreiber. Niko Pirosmani

Ein ungutes Gefühl verdichtet sich. Gleich am Morgen habe ich den Eindruck, es an der Peripherie wahrzunehmen. Eine Stunde Aufräumen schafft Ablenkung. Doch das Gefühl scheint mich in enger werdenden Zirkeln einzukreisen. Ich weiß, dass es um eine diffuse Angst geht, kann sie aber wegen mangelnder Bereitschaft, mich ihr gegenüberzustellen, nicht genau erkennen. Der Versuch einigermaßen sinnvolle Handlungen an diesem Vormittag auszuüben scheitert. Ich ziehe die Schuhe an und laufe ziemlich zackig über die Felder. Erst als die gröbste Spannung rausmarschiert ist, kann ich stehen bleiben und mich umdrehen. Ich sage: Okay, komm.
Die Angst ist sofort da und redebereit. Wir unterhalten uns eine Weile. Dann schauen wir uns an, ohne Worte. Den Rest des Weges fühle ich sie an meiner Seite, ihr Gesicht gleicht meinem. Ich kann im Nachhinein nicht verstehen, warum ich sie ignorieren wollte.

Es ist so viel einfacher, sich vernünftig zu ernähren, wenn man Urlaub hat. Abends Kraft und Zeit übrig haben, einen Salat zu waschen oder Gemüse zu kochen. Das Wasser auffangen und damit die Blumen gießen. Was für ein Krampf es im Gegenzug ist, während einer normalen Arbeitswoche wenigstens nur jeden zweiten Tag convenience food herzunehmen. Aber man muss Prioritäten setzen und ich kann nicht auf alles gleich viel Wert legen.

Laut des Kamelführers, der uns vor einigen Jahren über seinen Hof führte, vertragen die Tiere den Winter sehr gut. Sie sind aktiver, spielfreudig und rennen absichtlich in Schneehaufen rein. Ich habe jetzt schon eine Weile keine Kamele mehr gesehen. Vielleicht wird es wieder Zeit für eine Wanderung an der Mangfall.

Noch ein Urlaubs-Special. Vormittags ins Gartencenter gehen. Den Wagen mal so richtig langsam den Gang entlang schieben. Bei jeder Malve ungebührlich lang überlegen, Handy rausholen, recherchieren, ob die wirklich winterfest ist usw. Danach keinen Termin mehr an dem Tag.

Enden

Die Fortbildung endet. Wir feiern den Abschluss, essen Paella, forsten durch die letzten Theorie- und Praxisblöcke. Ein Teilnehmer, der mir vor 2 Jahren vor versammelter Mannschaft einen schweren Vorwurf gemacht hat, nimmt alles zurück. Dass er dazu in der Lage, ist schon toll. Noch besser, dass er dafür 2 Jahre brauchte. Ich hatte reichlich Gelegenheit zu ergründen, was an den Vorwürfen dran ist, während er zögerlich Vertrauen zu mir fasste. Ich habe aufgrund der Kollision mit ihm etwas überdacht und geändert, was ich vorher für absolut richtig hielt. Daneben habe ich etwas beibehalten, was weiterhin Sinn macht und einschließt, manche Menschen punktuell gegen mich aufzubringen. In den letzten Modulen saßen wir abends ganz einträchtig bei einem Glas Wein zusammen. Weder ich noch er konnten diese Entwicklung beschleunigen. Es hat 2 Jahre gebraucht.

Langsamer, sagst du, wie immer.
Sei langsam.
[H. Domin]

Dann habe ich Urlaub, schiebe alles Anstehende auf die lange Bank und fahre zu den Kiesufern. Dort bin ich allein, lege mich ins Wasser und halte mich mit den Händen an Steinen im Flussbett fest. Die Strömung hebt meinen Körper. Ich verharre eine Weile in der Spannung zwischen Halten und Gezogen werden. Bevor ich mich wegtragen lasse.

Ich darf zwei Kolleginnen jeweils 30 Minuten beim Arbeiten zusehen. Beide stehen während diesen 30 Minuten. Beide sind aufgeregt. Beide müssen eine konfliktreiche Situation aufnehmen, verarbeiten, lenken und zu einem tragbaren Ergebnis führen. Die erste Kollegin steht konstant leicht nach vorn gebeugt, also mit dem Gewicht auf den Zehen. Sie wirkt unter Zugzwang. Hilfsbereit auf nicht immer hilfreiche Weise, obwohl sie insgesamt eine kompetente Person ist, die viel drauf hat.
Die zweite Kollegin steht auf dem ganzen Fuß; zentriert. Sie trifft eindeutig bessere Entscheidungen. Sie lässt sich Zeit, zu fühlen was passiert. Sie kommt zu präzisen Beobachtungen. In ihrem Beisein scheint sich der Raum auszudehen und mehr Optionen zu beinhalten, als vorher.

Mein Körper ist eine Ausgangssituation. Er determiniert und begrenzt mich. Er ist auch die Manifestation meiner inneren Haltung und Zustände. Und die Möglichkeit, meine innere Haltung von außen zu kitzeln. Sie neugierig zu machen auf eine neue Erfahrung.

Im Garten läuft es so mittelmäßig. Der dreißig Jahre alte Apfelbaum ist morsch und produziert schlecht schmeckende Äpfel. Die Äpfel fallen unreif auf die Erde oder verfaulen noch am Zweig. Die Schnecken kommen zu Hunderten und ernähren sich und ihre Nachkommen, besaufen sich am Vergorenen und zeugen noch mehr Nachkommen. Der Baum muss weg. Ich will aber kein Mensch sein, der Bäume fällt, nur weil sie mir nicht passen. Ich fürchte auch ein wenig, welches Licht das in der Nachbarschaft auf mich wirft. Im Sinne von: kommt hier her, übernimmt den Garten der verstorbenen Frau und haut sofort die schönen Bäume um.
Ich will einen anderen Baum. Einen Tulpenbaum oder eine Weide oder den Baum mit diesen Blättern, dessen Namen ich vergessen habe.

You who are broken open

Wir sitzen auf einem Berg und schauen zu. Ein paar Meter entfernt stehen die Kühe und schauen zu. Dahinter die Gämse, Ameisenhaufen und Alpensalamander - alle schauen ihm zu. Er kann Kung Fu.

Es ist der Tag, an dem ein Freund uns an seinem 7 Jahre währenden Kung Fu Training in Form einer kleinen Kampfeinlage vor Bergpanorama teilhaben lässt.

Es ist der Tag, an dem 2/5 der Gruppe nackt in die Gumpe springen, Gedichtfragmente aufgesagt werden und 40 Zecken an einem einzigen Mann hängen. Der Tag des Kreislaufs, der flüssigen Schokoladenkekse und nachgeholten Erzählungen. Es ist vor allem der Tag des Zurückschauens auf den elendlangen Weg hin zu dieser heute okayen Körperlichkeit. Sich einigermaßen eingerichtet, vielleicht sogar mal kurz Zuneigung gefühlt zu haben für diese Gefährtin, die überall dabei war und alles bezeugt.

Ich muss, eigentlich immer, wenn ich eine demenzkranke Person treffe, daran denken, wie das Gehirn dieser Person jetzt nicht mehr weiß, was war. Ihr Körper aber schon. Und wie auch ich, als kognitiv noch intakte Person, nicht mehr weiß, was vor meinem 3. Lebensjahr war. Mein Körper aber schon.

Wie mein Körper alles fühlte und nicht abhauen und sich nicht rausfantasieren konnte. Wie er alle Emotionen ausgetragen hat und dies weiterhin tut und abbildet.

Wir sind erst spät zu Hause an dem Abend. Es reicht nur noch für Rucksack leeren und Licht ausmachen. Die Kühe, die Ameisen und Alpensalamander - sie werden noch bis tief in die Nacht von ihm reden. Martial Arts, werden sie sagen, once in a lifetime.

Es ist der Tag des gesegneten Pferds

Einmal im Jahr wird hier für die Pferde gebetet. Dazu werden ihnen Frisuren geflochten, Bänder und Rosen in die Mähne gesteckt, die Schweife gekämmt, das Geschirr mit Schellen behängt. Manche der Pferde ziehen Holzwagen, die einzig zu diesem Zweck seit Jahrzehnten gewartet, gestrichen, lackiert und am Morgen der Segnung mit Blumenbouquets gekrönt werden. Der Maximalismus, mit dem in dieser Gegend die Mensch-Tier-Beziehung (oder Mensch-ehemaliges-Arbeitsgerät-Beziehung) gefeiert wird: ich bin sehr angetan.

Ich war nie ein Pferdemädchen, kann mir aber vorstellen, wie erhebend es für 15-Jährige ist, auf einem großen schwarzen Wallach zur Kapelle zu reiten und dabei von allen gesehen zu werden. Die Mädchen an diesem Tag. Sie sind noch stärker als die Pferde.

Auf den Bänken vorm Haus sitzen die Alten, daneben Eltern mit Kindern, fast alle in Tracht. Jugendliche springen auf die Trittbretter der Wagen, führen Ponys an der Leine oder lenken Kutschen. Die Sonne kracht vom blauen Himmel herunter, es liegen Frechheit, Stolz und Kulturgläubigkeit in der Luft, wie ich sie, so entschlossen zelebriert, nur aus Bayern kenne.

Als der Umzug vorüber ist fahren wir zum Fluss. Er sieht harmlos aus an dieser Stelle. Das täuscht. Die Strömung in der Mitte ist reissend, ich kann nicht gegen die Fließrichtung anschwimmen. Zwei Bachstelzen hüpfen am Ufer herum. Können Steine in der Sonne bleichen? Sie wirken wie Wäsche, die ihre Farbe verloren hat.

Im Kiesbett liegend denke ich an das Wenglein-Gemälde Kalksteinsammlerinnen im Isarbett…
In unserem Rücken bewegen sich Weiden, ein weißer Schmetterling von der Größe meiner Hand landet auf der Schafgarbe. Ich weiß nicht wie ich das sagen soll: Es ist, als hätte ich mir dieses Leben vor langer Zeit ausgedacht. Und als sei ich dann da hineingegangen.

Und daneben die Gewissheit: Ich habe mir den Zustand, in dem ich jetzt bin, diese Gefühlslage, diese Beziehungen, diesen Ort weder nur erarbeitet, noch nur Glück gehabt. Wenn ich es beziffern wollte und das will ich manchmal, würde ich meinen Beitrag daran auf etwa 10 Prozent festlegen. Den ganzen Rest haben andere geleistet, erarbeitet, mir geschenkt, mir überlassen, auch ohne mich zu meinen. Es ist eine solche Legierung, in der man lebt. Eine Legierung aus wirklich allem.

Auch merke ich hier: Ich bin so viel Gutes nicht gewohnt. Dass meine Sinne fast konstant offen bleiben können und ich mich nicht mehr oft verschließen muss. Dass es genug Raum und Schönheit gibt. Erreichbar für mich.

Es ist der Tag des Schilfs, der Schlange und der Wasserlilie.

Wir gehen zu einem See, der nicht mehr lange ein See sein wird, denn sein Boden wächst der Wasseroberfläche entgegen. Tief und klar genug zum Baden ist der See aber noch, das scheinen die alten Frauen des angrenzenden Dorfes genau zu wissen. Mit hundertjährigem Katholizismus und Gicht in den Gelenken und nichts als ihrem Badeanzug am Leib wackeln sie die Dorfstraße entlang zum Wasser.

Wir liegen an einem Steg und hören zu. Was die erwähnte Generation ja sehr gern macht ist schwimmen und gleichzeitig reden. So auch hier die badenden Damen. Sie redem vom Hans, der einen Schlaganfall hatte und jetzt halb tot ist. Von der letzten Beerdigung, die irgendjemand nicht angemessen ausgerichtet hat, was eine Schande ist. Von dem anderen Hans, der eine Affäre im Nachbardorf hatte, aus der ein Kind hervorgegangen ist und das Kind ist jetzt eine erwachsene Frau und macht irgendwas.
Dann sind die beiden genug geschwommen und steigen aus dem Wasser. Tropfnass wackeln sie zu ihren Häusern zurück. Ohne Handtuch. So heiß ist es heute.

Am See ist es jetzt still, wir liegen auf den morschen Stegbrettern, das Schilf rauscht im sachten Wind. Nach einer Weile packen wir zusammen und fahren zum Fluss. Am Fluss weht mehr Wind, das Wasser ist kälter und genau richtig, eine kleine schwarze Schlange schwimmt vorbei, die Kiefern am sandigen Ufer riechen nach Kiefer. Sonst fällt nichts vor. Die Schlange und eine kurze Aufregung darum ist alles, was der Tag an Adrenalin zu bieten hat.

Am Abend komme ich im Kapitel ‘Organische psychische Störungen/Demenzen/Alzheimer’ an. Die Reisberg-Skala, der graduelle Abbau kognitiver Fähigkeiten, die Wesensveränderungen, und warum frühe Symptome einer Demenz häufig mit Depression und Affektstörung verwechselt werden. Mir wird klarer, warum neulich die Ärzte zu einer Freundin sagten, sie wissen noch nicht, ob die Mutter der Freundin Demenz oder Depressionen oder einen Schlaganfall oder einen Hirntumor hat. Im Moment sei alles möglich.

Juli

Die Tendenz der letzten Jahre, sich mit Bienen und Imkerei zu befassen, Maja Lunde zu lesen und Insektenhotels zurecht zu sägen ist an mir vorbeigegangen. Daher erkenne ich erst jetzt, im Angesicht des Lavendels, dass es einige Dutzend (?) verschiedene Bienenarten in dieser Gegend geben muss. Es landen pelzige und wenig behaarte, schlanke und beleibte Tiere, manche fliegen taumelnd, andere orientiert, es gibt gute Kletterer neben Verwandten, die ständig von lila Skabiosablüten herunter stürzen.

Nachts sind die Fenster weit geöffnet. Es riecht nach Heu. Der Mond geht auf, ich will wach bleiben und ihn lange anschauen, aber die Müdigkeit ist größer und der nächste Tag beginnt um 6, damit ein Stapel ukrainischer Kindergeldanträge nicht noch länger liegen bleibt. Das Arbeitspensum ist in diesen Tagen sonderbar unstet. Entweder es flutet unkontrolliert herein oder zerrinnt zu einem buchstäblichen Nichts. Ich kenne in meiner temporären Aushilfstätigkeit die Prozesse nicht gut genug um zu verstehen, an welcher Stelle es hängt, wo es sich aufhält oder aufgehalten wird, das Pensum.

Ein Freund war ziemlich mitgenommen, jetzt geht es ihm besser, ich freue mich. Ein anderer Freund ist sehr krank, ich habe Angst, ihn zu verlieren. In letzter Zeit ist häufig plötzlich etwas für immer vorbei gewesen. Das bringt eine gewisse Dringlichkeit in alle meine Begegnungen und Gespräche. Ich weiß nicht, ob es meinem jeweiligen Gegenüber auffällt. Ob das gut ist. Ob es nervt. Ich dachte, ich hätte einen Umgang mit der prinzipiellen Vergänglichkeit aller Erscheinungen gefunden. Aber das war wohl nur first level.

In der Pause finden ein Kollege und ich Zugang zur Dachterrasse. Wir essen ungetoastete Toastsandwiches mit Essiggurken und Keksen, weil das Kantinenessen schlechter ist als das. Der Kollege erzählt von etwas, das ihn seit Langem verfolgt. Ich erzähle von den letzten Tagen meiner Mutter. Wir haben nicht bewusst darauf zugesteuert. Das Dach scheint isoliert und entrückt genug, um altes Segment in einem sicheren Rahmen hochschwemmen zu lassen. Dann wechseln wir zu Science Fiction.

Ich habe jetzt doch Obi Wan angeschaut. Es kann nicht immer Premium sein. Man muss sich auch mal mit Zweitklassigem zufrieden geben.

grow slow

Jede Stadt hat ihre Schnecke. Bis ich die Schnecke in meiner Heimatstadt gefunden habe, hat es eine Weile gedauert.

An diesem Juliwochenende gibt es häufig Gelegenheit, auf aufgeheizten Steinen zu sitzen, butterweich zu werden, zu verschwimmen. Die Pappeln werfen weiße Wolle in den Bordstein, an den Tischen wird leise in die Dunkelheit geredet.

Es ist eine Erlösung vom Gehirn in den Körper zu rutschen. Der Sommer hilft. Wenn doch immer Sommer wär.

Es ist nicht für jeden Menschen eine Erlösung, in den Körper zu rutschen. Für manche ist es das Gegenteil. Abhängig davon, was dieser Körper erlebt hat, welche Gefühle in ihm gespeichert, d.h. verkörpert sind.

In dieser Stadt wurde häufig roter Sandstein verbaut. Wären nicht 98% weggebombt worden, es wäre heute eine sehr rote Stadt. Geblieben ist Restrot. Manchmal in einem Turm, manchmal am Boden.

Es ist mir, zumindest im Juli, hier, unter Freunden und auf den aufgeheizten Steinen, viel klarer, dass jedes nachhaltige Wachstum langsam geschieht. Und ich nur punktuell beteiligt bin.

Ganz langsam krieche,
Schnecke,
am Fuß des Fuji
den Hügel
hinan.

Kontaktorgan

Heute Morgen in der S-Bahn einer Frau 25 Minuten lang dabei zugeschaut, wie sie sich schminkt. Wenn man aus der Pubertät raus ist, hat man gar nicht mehr oft Gelegenheit, jemandem in echt dabei zuzusehen; also nicht auf Youtube oder als Teil einer Performance.
Die Frau stieg am gleichen Bahnhof wie ich ein, warf sich in den Sitz und begann mit der Einrichtung ihres Gesichts: Grundierung, Abdeckung, Kontur, Puder, Rouge, Lidschatten, Lidstrich, Wimperntusche, Lippenstift und zum Schluss etwas, das ich als Augenbrauenliner bezeichnen würde. Sie war mittleren Alters, trug weiße Jeans und eine Businessbluse. Ich glaube es war Moritz von Uslar der das den Düsseldorflook genannt hat. Ich habe mich in den 25 Minuten gut unterhalten gefühlt. Schade war, dass sie mit dem Make-up nicht mehr so nahbar wirkte. Sie sah vorher sehr charmant aus, mit ihrem leicht verpennten Blick.

Wie mir eigentlich immer bei den Vorher/Nachher - Fotos die Leute vorher besser gefallen. Den Rest des Tages gehadert, ob ich aus der Beobachtung am Morgen schlussfolgern soll, selbst kein Make-up mehr zu nutzen. Gemerkt: nein. Geht noch nicht. Fühle mich doch recht gezeichnet von den vergangenen und bestehenden Krankheiten und will dem nicht konstant in die Augen schauen. Eine dünne Schicht Puder scheint genau den benötigten Schutz zwischen mich und die Umwelt zu schieben, damit ich mir nicht völlig roh vorkomme. Lieber wäre es mir anders. Lieber wäre ich in diesem Areal okay. Abwarten. Weitermachen.

Dann flaut in der Arbeit plötzlich alles ab. Nach der Raserei der letzten Wochen habe ich zum ersten Mal Zeit, mit einem Kollegen länger Pause zu machen, überflüssige Daten zu vernichten, Eiskaffee zu trinken.

Die spießige Blume habe ich auf Dauer doch nicht toleriert und wollte sie schon kompostieren. Der Nachbar, der gleichzeitig ein Freund ist, hat sie angeschaut und bestätigt: Ja, sie ist hässlich. Aber sie könne ein Loch im Sichtschutz auf seiner Seite füllen. Er hat die Blume ausgegraben und versetzt.

T.

Juni

Es passiert nichts in diesen Tagen. Das Heu wird eingeholt und ich muss nicht daran beteiligt sein. Nur vorübergehen.

Was ich gelernt habe sackt tiefer in mich hinein. Ich registriere passiv, dass es von selbst geschieht.

Die Mittagsstunden sind heiß. Ich wechsel von der Sonne in den Schatten und zurück. Es ist warm bis in die Nacht.

Gartenfiktion

Die Schafe sind wieder ausgebüxt. Jetzt stehen sie vor unserer Tür. Man darf ihnen nahe kommen - aber nicht streicheln!

Am Wochenende Fortbildung. Die Fortbildungen finden in einer Gärtnerei statt, die 80% der europäischen Print und Online Gartenzeitschriften mit Bildern versorgt. Daher stehen überall auf dem Gelände Kulissen. Hausfassaden ohne Haus dahinter, Zaunelemente, die nichts einzäunen, gut aussehende Hühner vor einem Tiny House, in dem niemand wohnt.
In, auf und über den Kulissen bersten Rosensträucher, wachsen Pfirsichbäumchen im Kübel, leuchten Walderdbeeren vor ins Gras gelegten Weidenkörben.

Ich bin nicht hier, um Fotografieren zu lernen. Ein Teil des Gewächshauses wird für Tagungen und Seminare vermietet. Die Inhalte der Fortbildung weichen drastisch ab von dem hier geschaffenen hortus concluses. Die Theorie ist dicht, die Praxisübungen noch dichter, es wird präzise beobachtet, umgesetzt und von Ausbilderinnen geprüft. In mehreren Runden wird jeder Schritt auf seine Wirkung hin analysiert, weitere Optionen angeschnitten, kleinteilig von den Teilnehmern rückgekoppelt.

Um so froher bin ich, in den Pausen und an den Abenden zwischen Fenchelbeeten zu streunen, an allem zu riechen, unter rauschenden Linden zu liegen. Der Chefgärtner läuft heiter und original mit Hut, Shorts und grüner Gießkanne durchs Bild und fordert uns auf, bitte viele Erdbeeren zu essen. Er ist kein Statist.

Ich denke hier oft an Tschechow, Sokolow, Anna Achmatowa. In Tschechows Gesellschaften werden mit Vorliebe an heißen Sommertagen Theaterkulissen in den Garten des Landguts gezimmert, ein Pappmond in den Baum gehängt, den Zusammenkommenden ein Text ausgehändigt. Und da stehen sie dann.

Irina: “Als ich heute erwachte, aufstand und mich wusch, schien es mir plötzlich, als sei mir alles klar auf der Welt, und ich wusste, wie man zu leben hat.”

Platonow: “Aber trotzdem begann der Kummer der allgemeinen Lage Woschtschew wieder zu quälen, er spürte manchmal das gesamte äußere Leben als das eigene Innere.”

Achmatowa: “Wir werden nicht aus einem Glase trinken, kein Wasser und auch keinen süßen Wein, des Morgens nicht in einem Kuss versinken, noch aus dem Fenster sehen im Abendschein.”

Sokolow: “Da kommt ein Soldat mit einer Feldmütze, nimmt ein Stück Kreide und geht auf den Waggon zu, er schreibt: Noch zwei Monate beim Barras. Da kommt ein Bergmann, seine weiße Hand schreibt lakonisch: Säue. Ein Sitzenbleiber der fünften Klasse schreibt: Marija Stepanna - Hure. Eine Bahnhofsarbeiterin in einer organgefarbenen Weste zeichnet auf den Waggon eine Wellenlinie. Ein Bettler mit Ziehharmonika nur zwei Worte: vielen Dank. Schließlich verlässt der Zug das Abstellgleis und rattert durch die Weiten Russlands.

_

She said, there’s a way to work through it.
You won’t be damaged forever.

P.

Immer wenn ich denke, die Pfingstrose habe ihre maximale Öffnung erreicht, geht sie eine Stufe weiter. Ich weiß nicht, wie sie das aushält. Diese Ausdehnung, Auffaltung, das totale Exponiertsein.

Gestern war der Mond ein Ei. Ich folge ihm und seinen Formen; den verbeulten, halbfertigen, zurück gehenden. In meinem Gedächtnisspeicher habe ich ein Mond-Depot angelegt.
Darin archiviert sind käsegelbe Vollmonde über Fichtenwäldern und bleich rosa Dreiviertelmonde über klirrend kalten Schneefeldern. Einige der Monde hängen über Hochhäusern, mehrere sinnliche Sicheln vor pflaumenblauen Abendhimmeln. Und es gibt auch, besonders gut verwahrt, einen an Bergzacken entlang schrammenden rötlichen Giganten.

Allerdings, der vielleicht wichtigste Archivmond befand sich vor einem Jahr in der französischen Provinz. Es hatte unter den Freunden den ganzen Tag über unterschiedliche Aussagen und Einschätzungen dazu gegeben, wann genau der Mond über diesem Dorf aufgehen würde. Eine Stunde harrten wir zu Neunt an der warmen Hauswand, um in der Sekunde des Aufgangs da zu sein. Wir waren da. Und schrien vor Glück, als er hochging.

Ich habe ein bisschen Angst vor dem Tod. Es ist das gleiche Gefühl, das ich jedes mal vor einem Übergang spüre. Der Schritt in und durch das eigene Dunkel. Der Abschnitt, den ich allein gehen muss. In dem es keine Ausflüchte mehr gibt.

Ich ahne/erkunde diese Unausweichlichkeit in dem gleichen Maß, wie ich meine Geburt noch irgendwo in mir ertasten kann. Der Anfang von mir. Wie ich mich hineingedreht habe in dieses Leben. Ausgeliefert und voller Bereitschaft.

Wir waren an einem Wasserfall am Sonntag. Das Wasser läuft an den Hängen runter, in die Felsspalten, bringt die steinigen Sammelbecken zum Überlaufen und verzweigt sich zum Schluss in den Flussarmen. In einer der grünen eisigen Gumpen baden wir. Es presst einem die Luft aus der Lunge. Man muss japsen, kreischen, johlen, schnappatmen und alles tun, was spontan zur Verfügung steht. Es existiert in solchen Gumpen kein Gedanke. Sensorisch eine einzige Überforderung.
Später dann der friedliche Weg nach Hause.

Today

Am Abend zieht Sturm auf. Die Pfingstrose ist kurz vorm Platzen. Ich glaube, sie braucht noch genau einen sonnigen Tag. Entlang des Fensters habe ich eine Girlande aus Duftwicken gepflanzt. Ich lag im Mai einige Male betört unterm Fliederstrauch und ich werde im Juni einige Male betört meine Augen im Kelch der Wicken schließen.

Ich bin hier angekommen, wie ein Loch, nach zwanzig Jahren City. Zu keinem menschlichen Kontakt gewillt. Außerhalb meines Freundeskreises wollte ich niemanden sehen, mit niemanden sprechen, vor allem niemanden hören.

Weiter hinten ist versehentlich eine spießige Blume herangewachsen. Auf dem Foto im Bestelldatensatz sah sie nicht so aufdringlich und plump aus. Um sie auszugraben ist es zu spät, sie gedeiht gut in der feuchten Ecke, wo sonst nur Schnecken und Steinasseln zurechtkommen.

Gestern sind beim Hof an der Kurve die Lämmer ausgebüxt und auf die um diese Uhrzeit stärker befahrene Hauptstraße gelaufen. Es sind eigentlich keine Lämmer mehr, sondern Teenager - in ihren Bewegungen liegt Bockigkeit und Lust auf Rangeln, es kotzt sie jetzt alles ein bisschen an; die langweiligen Elterntiere und der dumme Hof. Als ich in ihre Richtung gehe, öffnet sich zeitgleich die Tür der kleinen Wohnanlage gegenüber und heraus treten zwei alte Bewohner, die für die Fütterung wilder Katzen in der Gegend zuständig sind und auch generell das allgemeine Tierwohl im Blick behalten. Zusammen lotsen wir die Schafe zurück zur eingezäunten Wiese.

Die zwei Alten sind scheu und misstrauisch. Ich habe sie schon einmal angesprochen, worauf sie verhuscht und etwas verkniffen geantwortet haben. Ich traue mir dennoch zu, ihr Vertrauen zu gewinnen. Wer nachts mit 40 km/h durch den Wald fährt, um bremsbereit für wegquerende Füchse zu sein, ist auch im Stande das Herz einer greisen Catlady umzustimmen.

Soviel habe ich jedenfalls gestern in Erfahrung gebracht: 2 der wilden Katzen sind im Frühjahr bei der Catlady eingezogen, die restlichen 3 präferieren ihr Outdoorleben zwischen Schafstall und Trafohäuschen.

Bleiben

Nach den Tagen in der Behörde liege ich unaufgeräumt in der Wohnung und bin zu nichts in der Lage. Draußen feucht warm. Es wächst Farn. Ich unterlasse es, zu lernen, mit meiner freien Zeit etwas anzufangen. Am Samstag hebe ich mich auf und fahre in die Stadt. Vor der Ludwigskirche hängen transparente Fahnen. Eine blaue Kugel vor durchsichtigem Grund. Neben den vielen hässlichen Flaggen auf dieser Welt existieren also auch noch ein paar ganz schöne.

Die Nacht wird lang. Im Hirschgarten sitze ich mit Freunden um ein Grillfeuer und esse Frühlingsrollen. Je dichter die Dunkelheit, desto näher fühle ich mich den Menschen. Ich brauche dazu keinen Alkohol. Das war nicht immer so. Beides haben zu können - Verbindung zu mir und Verbindung zu anderen - das ist der große Rausch, nachdem ich so lange gesucht habe. Er ist nicht verfügbar, dieser Rausch, er gehört mir nicht, ich kann ihn nicht herstellen. Mich lediglich bereithalten und konstant hinwenden zu mir.


Unweit unseres Platzes auf der Wiese fasst sich eine Familie oder ein Familienverband an den Händen und tanzt einen folkloristischen Reigen. Ich glaube, es wäre okay, rüber zu gehen und mitzumachen. Der Mond ist eine Sichel. Das Gras kaum kühler als die aufgeheizte Luft. Die Dunkelheit hat in dieser Nacht etwas von einem samtenen Tuch. Ich kann mich wickeln in das Tuch, ich spüre es auf jedem Zentimeter Haut.

Weiterhin beschäftige ich mich mit Ohnmacht. Hat sich ein Wort erst einmal Zutritt verschafft, geht es in der Regel auch die nächsten Monate nicht mehr weg. Es muss von allen Seiten benagt werden. Angefangen hat es im Februar mit der Ukraine. Dann im März der Tod von N. Dass ich ihn nicht am Leben erhalten konnte. Der Größenwahn, zu meinen, jemanden am Leben erhalten zu können.

Die verschwommene Erinnerung in der Stunde nach der Nachricht, im Kreis gelaufen zu sein. Auseinanderfallen.

Jemand, der sich mit Ohnmacht auskennt, schreibt:
Auf Ohnmacht antworten wir gern mit Macht. Mit Aktivismus.
Eine Tat zu tun ist leichter als das Unaushaltbare zu halten.
Sind deshalb unsere Taten vergeblich? Nein. Aber sie ändern nichts an unserem Ausgeliefertsein.

Du könntest den Bergen die Adern aufschneiden,
als Zeichen eines großen Gerichts.
Aber dir liegt nichts daran.
Sanften Gesichts siehst du
den Tragenden zu.
[Rilke]

Wirf dein Hab und Gut aufs Meer. Vielleicht kommt es zurück zu dir

Dann kommen Freunde. Wir gehen auf einen Berg. Wir gehen zum See. Der Wind bewegt das Gras, hoch und ungemäht an der Stelle mit den lila Blumen. Einem Kind wird ein Kranz ins Haar geflochten, die anderen sichten Greifvögel, eine schwarze Schlange kriecht vorbei, die dicke Zunge des sehr jungen Kalbs leckt über meinen Handrücken.

Die Abstufungen des Ausgeliefertseins beschäftigen mich. Die kleinen Kontrollverluste jeden Tag. Und die große Ohnmacht. Ohne Macht in diesem Leben zu stehen.

An die kleinen Kontrollverluste versuche ich mich zu gewöhnen. Mitzuschwimmen, wenn möglich. Die Ohnmacht hingegen.

Fiktionsbescheinigungen. Die Behörde, in der ich aushelfe, presst weiterhin im Eilverfahren Wissen in mich hinein. Die Ukrainer, die mir später am Tag gegenüber sitzen, sind auf dieses Wissen angewiesen und pressen es wieder aus mir heraus. Alles, was ich sagen kann ist unvollständig und eigentlich nicht genug und nur mit akutem Mitarbeitermangel in einer Krisensituation zu rechtfertigen.

Die Mütter schaukeln Kinder im Arm, während wir nach 45 Minuten immer noch weitere Nachweise von ihnen wollen; für das Mittagessen in der Schule, für noch nicht erhaltene Versichertennummern und Nebenkostenaufstellungen im Untermietvertrag der temporären Unterkunft. Dennoch: die Ukrainer kommen vorbildlich vorbereitet zu den Terminen, legen ihre gut sortierten Dokumentenmappen auf den Tisch, werfen sich auf den Arbeitsmarkt, auf den Wohnungsmarkt, in die Sprachkurse, in das Dickicht der Verfahren.


W.

Woschtschew nahm in der Wohnung seine Sachen in einen Sack und ging nach draußen, um an der Luft seine Zukunft besser zu verstehen.

[Die Baugrube, Andrej Platonow]

Kooperation

Die neue Aufgabe. Sie ist aufreibend, komplex und verlangt mehr als ich ursprünglich geben wollte. Ich verabschiede mich von meinem Team, meiner Institution, wechsel in ein anderes Unternehmen, ob für 3 Monate, 6 Monate oder länger bleibt unklar. Am neuen Schreibtisch bekomme ich einen Ordner mit Gesetzestexten, einen mit Verfahrensregeln, einen zur Aktenkunde und 5 Kollegen, die im Schnelldurchlauf Fachwissen in mich frachten. Es trifft mich und viele andere Mitarbeiterinnen. Es ist eine Ausnahmesituation und wir sind abrufbar. Was ich im letzten Jahr erworben habe, hat keine Bedeutung mehr: Transliterationen des griechischen Alphabets, Besonderheiten türkischer Verlage, Abgründe der Etatansetzung und die Meisterung derselben. Es fehlt mir - das Polster meiner Kompetenz. Ich bin unglücklich und die häufigen Umbrüche leid. Am Abend des ersten Tages mit der neuen Aufgabe liege ich zermatscht im Bett und gräme mich. Jammern ist gesund. Ich glaube, mich damit anteilig von meiner Neurodermitis geheilt zu haben. Ich pflege meine Bequemlichkeit und füge mich nicht ohne Aufstand in einen neuen Umstand. Eine Weile liege ich so. Dann höre ich Beppo Straßenkehrer oder Gott oder mich - wie wir sagen:

Nicht den ganzen Weg anschauen. Nur den nächsten Schritt. Atem, Schritt, Besenstrich.

Es ist simpel und tröstet. Wir drei im Chor. Zermatscht und street wise. Mein Gram legt den Kopf an meine Schulter. Ich schlafe ein und träume von Papier.

Es hilft, die Unbequemlichkeit zumindest im Dienst eines guten Zwecks zu tun. Diejenigen, für die ich ab heute Akten wälze haben mehr verloren als ihre kleine private Kompetenz. Ich weiß nicht, wer in ihrem Kopf mit welchen Worten spricht. Ob überhaupt noch jemand spricht.

Am anderen Tag sind wir im Gebirge, die Murmeltiere pfeifen die Hänge runter, eine Gams sieht uns lange an, bevor sie durch den Schnee ins Tal trabt. Eine einzige Üppigkeit an Freundschaft und Blumen breitet sich aus. In einer besonders heißen Serpentine aufwärts bleiben wir stehen unter ätherisch duftenden Latschenkiefern. Wir sind zu sehr außer Atem, um etwas zu sagen. Stehen da in stummer Vereintheit. Große Landschaften sind ja wie gemacht dafür, alles wieder ins rechte Licht zu rücken.

Vor diesem Hintergrund scheint es kleinlich, wegen einer neuen Aufgabe unglücklich zu sein. Aber ich will nicht herabsehen auf mich. Und jedes Gefühl in mir unterbringen.

Flanke an Flanke

Nach einem durchgetakteten Tag hinter diesen Mädchen zum Stehen gekommen. Ihre liebevolle Verabschiedung in der großen Kleidung, als die eine zusteigen und die andere zurück bleiben muss. Die Selbstverständlichkeit mit der sie sich angleichen wollen (können) müssen. Die Erinnerung, das als Teeanager mit der Freundin genauso auch gemacht zu haben. Eine schwer zu beschreibende Art von Stärke dabei empfunden. Vielleicht: Die Verdoppelung der eigenen Abwehrkraft. Oder schlicht: Rudel gefunden.

Die Version der Erwachsenen. Eine Winternacht vor Corona. Wir treten aus der Bar, frieren, ziehen die Mützen auf und sehen dann so aus:

Vor und zurück

Viel Regen und daher Gelegenheit, drinnen zu sein. Lernen. Die Lust, es nicht gehetzt tun zu müssen. Sekundärliteratur lesen, zwanzig Minuten aus dem Fenster starren, die neuen Informationen mit den alten abgleichen.
Ich hätte mir das früher nicht erlaubt; Stoff, den andere innerhalb eines Jahres in sich hineinpressen, auf zwei Jahre auszudehnen. Hand in Hand mit meiner Herangehensweise Leichtigkeit dabei zu empfinden.

Im Wald den Barfußpfad gegangen. Ich in Barfußschuhen (he he), das Kind des Bruders in echt barfuß. Das Kind nimmt die gesamte Runde mit Genuss und Neugier, nur am Übertritt zu den kleinen spitzen Zweigen scheut es zurück. Später allerdings, als wir längst auf etwas anderes fokussiert sind, bemerke ich, wie es allein und ohne Hilfe über die Zweige wankt. Nur aus dem Augenwinkel habe ich das gesehen. Fast verpasst.

Der ganze Sektor der eigenen Ohnmacht, Unsicherheit, Wackeligkeit. Die Passage der Angst, die ich durchlaufe. Jedes Mal wieder diese Passage, um in die nächste Weite zu kommen.

Ich, die ich wirklich rein gar nichts von Mode verstehe, schaue zur Unterhaltung und vor dem Einschlafen die US -amerikanischen Designer-Castingshows. Frauen und Männer, die antreten “the next global brand” zu werden.
Erfreulicherweise finden sich unter den Belgiern, Kolumbianerinnen, Italienern und Amerikanerinnen manchmal auch Personen im fortgeschrittenen Alter, die drei Jahrzehnte Arbeitsleben auf dem Buckel haben. Wie die immer schwarz gekleidete und sanft lächelnde Esther Perbandt, die in stressigen Situationen über ihre Entwürfe gebeugt murmelt: Everything I want is on the other side of fear.

Neben der Handwerkskunst sind es diese gezeichneten und sicher mehrfach gescheiterten Gesichter, die mich so hervorragend unterhalten und scheinbar auch sedieren - ich schlafe ruhig und eingebettet im Gemurmel der wankend vorwärtsschreitenden Mitmenschen.

Hibi

Ich habe lange nicht wahrhaben wollen, wie kompliziert ich geworden bin. Rund zehn Jahre brachte ich damit zu, zu hoffen, es gehe vorüber. Wenn Freunde davon berichteten, zum Zwecke ihrer Yogaausbildung oder im Rahmen eines Engagements in der Entwicklungshilfe monatelang mit zwanzig Personen und null Privatsphäre in einem Raum auf dem Boden geschlafen zu haben, glomm in mir gegen alle Vernunft der leise Wunsch, dazu auch einmal in der Lage zu sein.

Unter den verschiedenen Kompliziertheiten war und ist die Geräuschempfindlichkeit die für mich am schwierigsten zu handhabende und vielleicht auch die Tatsache, die ich mit der größten Ausdauer in mir niederzuringen suchte. Könnte ich zehn Jahre zurück reisen würde ich der Frau, die ich damals war, gern einmal fest in die Augen schauen und gutmütig sagen, lass es.
Lass es, du kleine dumme Nuss.
Oder auch mit den Worten eines Freundes: Das lässt sich doch mit Technik lösen.

Nachdem besagter Freund mehrmals kopfschüttelnd Zeuge meiner Einbrüche wurde, lag vor zwei Jahren dieser noise cancelling Kopfhörer auf dem Tisch. Warum ich letztlich, ich kann selber nicht fassen was ich jetzt hier schreibe, mich weigerte den Kopfhörer zu benutzen und ihn mit Einverständnis des Freundes sogar weiterreichte… das lässt sich vermutlich nur mit Hilfe eines dafür ausgebildeten und bezahlten Menschen klären.

Es hat dann aber, und dafür bin ich der Unerbittlichkeit der Umstände sehr dankbar, doch nur noch 2-3 weitere Einbrüche gebraucht, um mich weichzukochen für die Einsicht, dass mir mit meinen Mitteln nicht mehr zu helfen ist.
Dass ich Hilfe brauche, die diametral entgegengesetzt ist zu meinem bisherigen Vorgehen. Der Kopfhörer wurde erneut bestellt, in den Rucksack gepackt und hält sich bereit. Die belastenden Situationen treten weiterhin ein, ich sehe sie kommen, ich greife in den Rucksack und dimme alles herunter. Ich stehe in keiner U-Bahn, in keinem Supermarkt, auf keiner Demo mehr ohne die Kopfhörer herum. Ich ziehe sie ab für Gespräche, unterhalte mich und ziehe sie wieder auf. Und es hat niemanden außer mich selbst überrascht: Ich fühle mich gut.

Außerdem gelernt: Hotelzimmer mit Sandelholz ausräuchern, eigenen Kopfkissenbezug mitbringen, Hotelbilder abhängen, Hoteldeko wegräumen, Bierzelt nach dem zweiten Bier verlassen, pastellfarbene Kleidung tragen, den TGV buchen, im gleichen Rhythmus wie die Raucher vor die Tür gehen, ein Tier oder eine Pflanze ansehen und wenn irgendwo Event draufsteht - den Ort weiträumig meiden.
Bierzelt ist ab und zu okay.

Heroin chic

Mitte der Neunziger sahen Models, die durch Zeitschriften und Musikvideos schlichen, häufig aus, als kämen sie gerade vom Magenauspumpen. Erscheinungen von Mangelernährung und Selbstverletzungsnarben waren dann auch der erste Eintrag, den ich als Fünfzehnjährige in meinem internen Orientierungskatalog unter Schönheitsideal ablegte. Die am Rand der Suizidalität entlang kuratierte Ästhetik wich, wenn ich mich recht erinnere, erst in den Nullerjahren einem etwas stabiler wirkenden Frauenbild. Ich hielt mich spätestens mit Anfang Dreißig für eindeutig genesen von dieser frühen Sehstörung.

Es dauerte dann aber doch noch eine ganze Weile bis die alten Informationen vollständig überschrieben waren. Ab 2015 gab es für einen relativ kurzen Zeitraum ein Label aus New York, das sehr viele verschiedene Frauen in sehr teurer Unterwäsche in ungewöhnlich bequemen Bewegungen ablichtete. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal auf eines dieser Fotos stieß und irritiert war. Wie ich am nächsten Tag zu dem Onlineshop zurückkehrte, um noch einmal alle Frauen anzusehen und das dann jeden Tag gemacht habe, monatelang. Einen ganzen Herbst und einen ganzen Winter. Bis irgendwann im Frühjahr das Bedürfnis, die Bilder zu sehen, nicht mehr ganz so dringlich schien und ich nur gelegentlich auf der Seite verweilte; eine Art Erhaltungsdosis.

Und dann die Mittagspause im Sommer darauf, als eine Kollegin etwas Abwertendes über ihren eigenen Körper sagte und ich zusammenfuhr vor Schreck und Verblüffung. Ich habe ihre Aussage nicht mit einer gut gemeinten Entgegnung korrigiert. Ein Kompliment kann nicht ersetzen, was sechs Monate Sehschule bewirken. Und einmal Erworbenes kann wieder verloren gehen.

Wenn ich an einer Herde vorüber gehe, die Hermeline übers Feld flitzen sehe, die Elstern auf der Dachrinne, denke ich, dass weder diese Tiere noch ich mir ausgesucht haben, worin wir gelandet sind. Und es nahe liegt, sich zu verbünden. Ein jedes Wesen mit seiner Form.

Sylvia Plath

Der Blutstrom ist ein Gedicht
stillen kann man ihn nicht

…, dass wir nicht wussten voneinander

Kurz darauf werde ich 42 und entschließe mich, den Tag allein zu verbringen. Es ist ungewöhnlich warm, ich ziehe Sandalen an und gehe übers Feld ins nächste Dorf und von dort an den Kuhweiden vorbei den Hang hinunter. Eine kleine Weile laufe ich unter Fichten und Buchen, dann öffnen sich die Baumgruppen und das Schilf beginnt.

Das Schilf ist eigentlich ein Moor oder ein unterirdisches Delta oder ein Moos. Jeder, der in der Nähe wohnt, bezeichnet es anders. Am Rand des Schilfs leben Tagpfauenaugen und Zitronenfalter zusammen mit einigen Tausend Bienen entlang einer sehr feuchten Wiese. Auf der gegenüberliegenden Seite der Wiese verläuft ein Bach. Dieser Bach wird von einem Biber bewirtschaftet. Der Biber staut und verlegt seit mehreren Jahrzehnten das Wasser, was neben den Bodenbedingungen vielleicht das unterirdische Delta, Moos, Moor oder Schilf erst hat entstehen lassen.

Stellenweise ist das Schilf verlandet, hier wachsen Schlüsselblumen, niedrige Birken und Weiden und hier führt ein Weg in eine Gegend, in der meine Definitionen ermüden und versickern. Vielleicht liegt es an dem unklaren Untergrund, dem Nachgeben des Bodens, dem ungewöhnlich warmen Tag. Ich lege mich an das Bachbett und verhalte mich ruhig im vagen Wunsch, der Biber möge an mir vorbei schwimmen und ich ihm dabei zusehen können, wie er einen Baum fällt.

Während ich mich ruhig verhalte schlafe ich ein. Als ich aufwache habe ich einen leichten Sonnenbrand und fühle mich mir selber nah. Ich fühle mich eindeutig innerhalb meines Körpers und eindeutig innerhalb meines ichs. Ich betaste meine Wangen und meine Arme. Ich bin ganz klar umrissen und aufgehoben auf sehr leibliche Art. Aufbewahrt.
Nach vier Wochen, in denen ich jeden Tag mit Schmerzen an den verstorbenen Jungen gedacht habe, bemerke ich, dass ich selbst noch hier bin. Auf der Erde. In mir.

Auf dem Rückweg bin ich durstig und hungrig. Ich bin viel länger im Schilf geblieben als geplant und kann mich auch jetzt nur schwer losreißen. Im Wald biege ich aus einer Kurve kommend an den Fichten ab und zum Feldweg ein.
Im Gras, rund dreißig Meter von mir entfernt, steht ein Fuchs und sieht mich an. Ich bleibe stehen und schaue zurück. Er ist unfassbar schön. Sehr rot. Und auf elastische Weise entspannt.
Einen kurzen Moment stehen wir beide so. Dann entscheidet etwas in ihm, das Weite zu suchen, er dreht sich um und verschwindet im Unterholz.

Dann geschieht Folgendes in folgender Reihenfolge

Mein Cousin stirbt an Corona. Einen Tag darauf beginnt Putin einen Krieg in der Ukraine. Wir fahren zu der Beerdigung des Cousins. Wir sprechen über ihn, über die Ukraine und fahren zurück. In München helfe ich bei der Unterkunftsvermittlung für Geflüchtete. Tagsüber treffe ich Familien aus Charkiw, nachts versuche ich mich davon abzuhalten, Kriegsvideos anzuschauen.

Am Sonntagabend ruft eine Freundin aus P. an. Sie sagt, sie steht in der WG ihres Sohnes. Der Junge liegt tot in seinem Bett.
Ich gebe meinen Kollegen Bescheid, organisiere Vertretung, packe eine Tasche und fahre zu ihr. Als ich ankomme und sie auf mein Läuten nicht sofort öffnet, ziehen meine Ängste auf die Überholspur und für die Dauer einer Minute glaube ich, den Verstand zu verlieren. Dann öffnet sie und der Hund springt an mir hoch. Wir sitzen in ihrer Küche, in ihrem Wohnzimmer, auf dem Teppich.
In den nächsten 48 Stunden sprechen wir mit Polizisten, Sozialarbeitern, Sachberbeitern und Bestattern. Ich recherchiere Antragsverfahren und Zuständigkeiten, organisere Transporte, Fahrer, Helfer und Kartons. Als es dunkel wird laufe ich auf eine Anhöhe über der Stadt und rolle mich auf der Wiese zusammen.

Am Tag darauf kommt ein Anruf, die offizielle Freigabe: wir dürfen noch einmal in seine WG, in das Zimmer. Der Junge war 19 Jahre alt.
Ich bin seine Patentante. In meinem Kalender steht für den Sommer: Mit N. in die Berge gehen.

Ich fahre zurück. Wegen Zugausfällen bin ich acht Stunden unterwegs. In der Arbeit startet am Tag meiner Rückkehr die gefürchtete Neuansetzung des Etats. Ich habe drei Tage Zeit, sehr viel Geld auf hunderte neu entstandene Posten zu verteilen, Unregelmäßigkeiten zu überprüfen und alle nötigen Emails zu schreiben. Zwischendurch ruft immer wieder der Bestatter an. Er will Garantien. Er will Änderungen. Meine Kollegen werden krank. Ich mache Überstunden. Dann packe ich wieder eine Tasche und fahre zu der Beerdigung. Ich treffe auf Menschen, die ich zwanzig Jahre lang nicht gesehen habe. Hinten in der Halle stehen Jungs und Mädchen, die mit ihm gefeiert haben in der Nacht vor seinem Tod. Die Trauerrednerin verneigt sich vor dem Sarg. Es ist 1 Grad und sehr kalt.

Das alles ist nur erträglich, weil ich fühlen kann, was passiert, während all das passiert. Weil ich nicht mehr hart bin und nicht allein. Ich weine in der U-Bahn und im Zug. Im Wald, im Auto, im Flur. Bei der Etatverteilung und beim Abschließen des Büros, während ich seine letzten Nachrichten an mich lese, während die Sargträger vor uns herlaufen und als jemand in der ersten furchtbaren Stunde eine Hand auf meinen Rücken legt. Es ist erträglich, weil Fremde und Freunde sofort bereit sind, etwas zu tun, etwas zur Verfügung zu stellen, auf irgendeine Weise dabei zu sein. Ich kann nicht beurteilen, ob es für die Mutter erträglich ist. Ich vermute, nicht.

do not go gentle into that good night

Während andere es sich nicht mehr leisten können, waffenunkundig zu sein, bin ich hier. Ich warte auf die Brandung. Die Brandung kommt. Ich trage in Eimern weg, was ich kann. Suche, jedem in die Augen zu schauen. Kein Wort zu sagen, über niemanden. Zu handeln, als sei kein Mensch von mir getrennt, unsere getrennten Körper nur ein Missverständnis. Solange es Tag ist, glaube ich das. Erst nachts sehe ich mir die Bilder an. Denke und fühle in Feindbildern. Es braucht nur ein wenig Müdigkeit, um allen Glauben aufzuheben. Ich kann nur hoffen, immer wieder wach zu werden.

Navid Kermani

Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.

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2021

Die genaue Stunde

Wir werden mehrmals gewarnt, das Update nicht während der Arbeitszeit zu installieren. Es könne zu mehrstündigen Zeiteinbußen kommen. Eine kleinteilige Handlungsanweisung will uns davor bewahren, gängige Fehler zu machen, Daten zu verlieren, untätig herumzusitzen. Dann meldet die IT Verzögerungen, das Update wird einige Wochen lang nicht bereitgestellt und gerät in Vergessenheit.

Heute sitze ich versonnen an einer Analyse und klicke ein paar Systemmeldungen weg, wenige Sekunden bevor sich der PC bei mir für das Okay zum Update bedankt und mich verabschiedet.
Es ist ein sonniger Tag. Ich gehe auf den Dachgarten.

Der Dachgarten des Instituts ist übersät mit bodendeckenden Sukkulenten, Moos und dem Flor der jeweiligen Jahreszeit. Außer mir ist niemand hier. Ich weiß nicht warum. Der Brandschutzbeauftragte hat den Aufenthalt ausdrücklich genehmigt.
An die aufgewärmte Gebäudewand gelehnt schließe ich die Augen, spüre keinen Hunger oder den Impuls, etwas zu bedenken. Ich rutsche in die totale Absichtslosigkeit. Das gelingt mir nicht oft. Ich betrachte es nicht als Verdienst, wenn es eintritt. Aus dem Lüftungsschacht ist ein stetes sanftes Rauschen zu vernehmen. Weiter unten der Verkehr.

Dieses Gebäude wird bald weg sein. Die Wand an der ich lehne und alles dahinter, darunter und darin. Es ist ein Jammer, denn es ist ein gutes Haus.
Gebaut in den 70’ern, voller Fehler, voller Ineffizienz. Teppiche in den Fluren und Teppiche in den Büros. Verschwenderisch in der Bemessung und protzend, wo es niemand sieht. Als sollte jede Schreibkraft sich als Herrin ihres Korridors fühlen. Beinfreiheit und lederne Freischwinger, Sitzgruppen und Einzelzimmer, dunkles Holz und dunkler Stein vor schwer ins Schloss fallenden Türen, dahinter Archive und verschwiegene Lichthöfe.

Der Abriss kommt. Er ist beschlossen, bezahlt und durch alle Instanzen gegangen. Er verzögert sich zwar und gibt mir Gelegenheit hier noch eine Weile rumzustehen, doch kommen wird er, wie das Update, auch wenn die Stunde, in der es passiert, eine Überraschung ist. Ein bisschen Verblüffung. Der Abend, an dem wir tatsächlich die Mäntel vom Haken nehmen und gehen.

Vollmond. 21 Uhr.

Über der gesamten Länge der Hackerbrücke sitzen Jugendliche auf den genieteten Querstreben der Eisenträger, lassen ihre Beine in Richtung der Gleise hängen, Alkohol aus Plastikbechern, am Boden liegt zerbrochenes Glas, aber niemand hat es böse gemeint. Die Stimmung ist insgesamt gut, das geglückte Erklettern der Eisenstreben, der Akt des sich hinauf Schwingens und von helfenden Händen hochgezogen Werdens, hat bereits einiges an Berührung mit sich gebracht.

Brüder Karamasov

Aber was soll mir solche Rache, was soll mir die Hölle für die Peiniger, was kann die Hölle da korrigieren, wenn die Opfer schon gemartert sind?

Deine andere Form

Vor einigen Wochen bin ich umgezogen. Mitten im Lockdown. Mitten im Schneetreiben. Ich bin in eine Gegend gezogen, in der nicht viele Menschen leben. Im Winter ist es hier ab 17 Uhr finster. Wenn es schneit, ist kein Weg und keine Straße zu erkennen. Nachts trete ich vor das Haus und pflüge zu den weißen Hügeln. Nichts bewegt sich. Nichts mit menschlichem Auge Auszumachendes. Es ist zu windig, um länger auszuharren.
Dann ist es Februar. Die Wiese dampft.
Wo im Vorjahr Heu geerntet wurde, liegen nass und gebogen die gelben Halme. Dazwischen steht, direkt auf dem Feld, ohne Versteck und leuchtend weiß; ein Hermelin. Ich habe lange darauf gewartet, an einem Ort zu leben, wo so etwas existiert.

Durchhalten

Geträumt, dass ich Alexej Nawalny in einer Altbauwohnung verstecke, die ich extra zu diesem Zweck angemietet habe. Aufwendige Sicherheitsvorkehrungen (Schlüssel, Code, Klopfzeichen) werden von mir getroffen.
Dummerweise verschaffen sich ein Dutzend Feiernde aus dem Erdgeschoss Zugang zu der Wohnung. Sie finden die Idee, jemanden zu verstecken, witzig, wollen auch behilflich sein, verkennen aber den Ernst der Lage.
Als Alexej Nawalny eintrifft, überreisst er mit einem Blick die Situation und sagt: Hier kann ich nicht bleiben.

Foto: Alexej Nawalny © Simonovsky District Court/​Reuters, Zeit online, 02.02.21

(Saadi)

Alles ist schwierig, bevor es leicht wird.

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2020

Du

Lieber Lieferando-Mensch,

ich weiß nicht, ob du ein Mann oder eine Frau bist. Ich nehme dich als beides wahr. Von meinem Platz in der Bibliothek sehe ich zu dir hinüber ins Geschichtsregal. Du machst deine Pause hier, nehme ich an. Der orangefarbene Rucksack zu deinen Füßen ist zusammengesackt, während du, versunken wie ich es selbst nicht sein kann, deinen Blick nicht hebst vom Buch in deinem Schoß. Du schläfst nicht. Das Seitenblättern ist hörbar, selbst als jemand einen Gang weiter verbotenerweise telefoniert. Ich kann den Titel deines Buchs nicht erkennen, weiß aber, dass es sich um den 1. Weltkrieg handelt, in den du dich vertiefst. Die Umschläge der Bücher sind mir vertraut, ich kenne alle himmelblauen, zumindest vom Sehen. Lass dich nicht stören. Auch nicht von mir. Sie sei dein Ruhekissen, diese Bibliothek, Zuflucht vor den Straßen der Stadt, und Beschreibung der Kriege, die hinter uns liegen.

Foto: blimami-bringen.com

Hier

Baustelle

Ich mache eine Verwandlung zur Baustellenbeobachterin und an Baustellen Herumsteherin durch. Kann mir vorstellen, mich demnächst zu einer Gruppe Männer zu gesellen und ihnen die Baustelle zu erklären.

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2019

Der erste Morgen

Die Kiefernwälder hinterm Strand sind ausgeräumt von Bewegung, vor zugenagelten Campinghütten liegen tausend Zapfen auf dem Sand. Ich steige die Anhöhe hinauf, gehe auf die Lichtung zu; trockener Grasbewuchs, noch mehr Sand. Zwischen den Zapfen auf dem Rücken liegend mache ich kein Foto, weil es nicht wiedergeben wird, was hier vor sich geht. Licht in den Kronen, Wärme am Boden gestaut. Es ist leise.

Das Meer - laut und lächerlich groß.
Ich bin in der Nähe eines Waldes aufgewachsen.
Der Versuch das Meer in mir unterzubringen misslingt, ich schaue immer wieder hin, verstehe es aber nicht. Ich habe kein eindeutiges Gefühl zu dieser Menge Wasser. Automatisch entferne ich mich davon und gehe zu den Kiefern.

Eine wohlgenährte Hummel lässt sich auf mir nieder, rund und pelzig.
Kiefern sind im Gegensatz zu Tannen von solcher Erhebung. Der leichte Bewuchs beginnt erst sehr hoch, im oberen Viertel des Baumes. Bis dorthin steht der rote Stamm ohne Astwerk. Lichtbahnen fallen ungestört bis runter auf mich, die ich an der Wurzel liege.

Kiefern. Es ist doch klar, dass bei solchen Bäumen andere Menschen herauskommen, als in den Tannengrüften Süddeutschlands.

Der Waldboden sinkt unter meinen Schritten ab und stellt sich hinter mir wieder auf. Hier deckt kein nasses, verschleimtes Laub die Erde unter Farnen.
Das ist ein Wald auf einem Strand.

Bei Einbruch der Dunkelheit die Diskothek Hyperdome. Keiner feiert. Ob überhaupt noch Strom fließt? Schatten vor den geschlossenen Türen. Ein leerer Parkplatz. Der Himmel kippt, Wolken schieben sich rein, Horizontfiktion.
Die Freundin und ich laufen hier herum. Es ist alles gerade so durcheinander in ihr. In mir gerade nicht. Das kann beim nächsten Mal anders sein, wenn wir uns sehen.

Am andern Tag.

Sandbänke, die Freundin, ich.
Wir sind rosa. Dann gelb. Pastellgekörntes Land. Winter, der sich zum Frühjahr wendet. Ich kann es jedes Mal kaum glauben, dass nach Kälte und Monaten der Nässe doch alles wieder gut wird, etwas kommt, dass all die große Luft um uns mit unaussprechlicher Wärme füllt. Das ist Verlässlichkeit, die kein Mensch einem anderen sein kann.
Ein Gestirn werden. 4,6 Milliarden Jahre lang jeden Tag brennen.

Am frühen Morgen rauche ich, allein, wie man hier immer ist, am Bahnhof eine dünne Zigarette. Huste. Nichts mehr gewöhnt.

Als der Hustenanfall vorbei ist und ich mich aufrichte stehe ich geblendet von Licht, das den Hang herunter auf mich zufließt - ein vom Hang auf mich herunter fließendes Licht, gelb aufgeladen in der Feuchtigkeit des Nebels, Phänomen, wie es eine Seele immer erleben will, aber fast nie erleben darf, hier passiert es einfach, es passiert wirklich, ich denke mir das nicht aus, es passiert außerhalb meiner Gedanken.

Der Zug kommt.
Nach Tagen, während derer ich in Kilometern gedacht und geschaut habe zurück in die Zudringlichkeit.

Noch nicht. Noch bin ich in der Ebene, sehe aus dem Zugfenster Füchsen und ausgewachsenen Vögeln beim morgendlichen Ablaufen ihres Reviers zu. Ein, zwei Stunden wird das so gehen, durch blasse Landschaften werde ich fahren, frühstücken, lesen, Kahnemann, und mich langsam, langsam mit jedem nächsten Halt, den schon nicht mehr in großer Distanz liegenden Orten annähern, den zusteigenden Jacken, Mündern und Geräten, den Menschen, die reinpendeln, die davon reden, vom Pendeln, und deren Aussagen ich so gern noch drei Monate missen möchte.

Mir fällt ein, wie zutreffend die Freundin gestern auf dem Rückweg von der verlassenen Diskothek von Cliffhängerfrauen gesprochen hat, Frauen Ende Dreißig, die sich noch mit einer Hand am Fels der potentiell möglichen Mutterschaft halten, und wie kurz darauf sehr schnell alle Entwürfe auf die finale Option der Lebensfortführung zusammen schnellen. Und das bleibt dann so.

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