Die Temperaturen steigen, nach der Arbeit schlafe ich an die Hauswand gelehnt ein, werde schwer und leer in der Sonne. Vogellaute perlen durch meinen kurzen Traum, eine seltsame Stille auf den Wegen im Dorf, noch keine Traktoren, keine Kühe, keine zufallenden Scheunentore, als würden alle noch mal Luft holen, bevor der Sommer in sie stürzt.

Am Mittwoch sitze ich auf dem Rückweg von der Institution einem jungen Mann gegenüber, der an einem anspruchsvoll gefertigten Schal aus grüner Wolle häkelt; eines der Schlaufmuster, für die Youtube-Videos oder Handarbeitsvorlagen studiert werden müssen, nicht das, was man in der dritten Klasse lernt. Es ist ersichtlich, dass er mit Farbe und Beschaffenheit der Wolle eine gute Wahl und Ergänzung zu seiner ebenfalls grünen Outdoorjacke getroffen hat. Manchmal hält er inne, um auf seinem Handy auf Nachrichten zu antworten, die ihn amüsieren. Als wir aus dem Stadtgebiet raus sind, scheint die Sonne in sein Gesicht, er ist ein schöner Junge. Er könnte in Herr der Ringe spielen, Legolas oder Frodo oder ein Reiter aus dem Pferdevolk. Und ja, er würde seine Kleidung selbst herstellen.

An einem der folgenden Abende lehne ich gegen halb Sechs im Gang der S-Bahn. Die im Winterlicht über dem Horizont stehende Sonne gleißend, ich kann hineinsehen in den weißen Zirkel, in die gelbe Aura. Wir werden eingehen in sie und sie wird uns verschlingen, 5 Milliarden Jahren noch, nicht mehr lang.

Nach Mitternacht gehe ich mit Freunden durch die Dunkelheit zur U-Bahn, gelöste Stimmen, von den Hauswänden prallt unsere Anwesenheit zurück. An meiner Seite das Mädchen aus Bulgarien, das eloquent und gewitzt über alles sprechen kann, vorne der Daytrader und neben ihm ein Mann, der sich jedes Wochenende etwas ausdenkt, um Menschen, die sich vorher nicht kannten, analog zusammen zu bringen. Weiter hinten Stella, daneben der Taxifahrer und der syrische Freund. Ich hab sie alle tanzen sehen heute, in ihrer Hingabe.

Im Gemenge vorhin, es war sehr warm, der Bass aus den Boxen fast schmerzhaft, drehte sich eine fremde Frau zu mir und umarmte mich. Ganz sacht ist sie auf mich zugekommen und mit ihren weichen, vorsichtigen Armen in mich hineingegangen.

Ich war ihr so dankbar für ihren Mut. Wie ihr Körper meinem Körper erklärt hat, dass wir in Sicherheit sind miteinander.

In der Nacht darauf finde ich mich auf dem Parkplatz eines Fabrikgebäudes wieder. Auf der Laderampe hinter dem Ausgang verrotten Europaletten, ich habe Lust eine Zigarette zu rauchen, aber keine dabei und stehe daher einfach so. Die Tore des Großmarkts sind geschlossen, am Himmel der dünne Mond, liegend, wie ein Mund. Ich bin so satt und glücklich unter diesem Himmel, ständig passieren interessante Dinge und interessante Menschen wollen mit mir Kontakt haben. Ich nehme es an und verschließe mich nicht.

Am Sonntag trabe ich mit Freunden die Benediktenwand hoch. Schneefelder, unterbrochen von warmen, grasigen Hängen, oben ein Schläfchen im Kreis der anderen, geteilte Schokolade, geteiltes Gelächter, Geständnisse, fast verheilte Schmerzen und wieder aufgebrochene Schmerzen. Unten im Fluss dann vom Fels ins Wasser gleitende Haut, die spitzen Schreie der Badenden. Ich schaue zu und mache Fotos von diesen schönen nackten Menschen. Komm Frühling. Komm, komm, komm.