Das warst du, und das war ich, wie ich mit dir begonnen habe, vor dem Betreten eines konkreten Raums.

Ich weiß, dass es mich gerade tiefer rein reißt, als ich das geplant habe. Gewollt habe ich es aber immer. Mich zu verschwenden an jede wache Stunde, an jedes Gefühl. Aus dem Augenwinkel kann ich noch wahrnehmen, dass andere es sehen und vielleicht ungewöhnlich finden, der Rest von mir hat kapituliert. Die Bewegung aufzuschieben bis sie in dafür vorgesehenen Räumen angelangt ist - das geht nicht mehr. Ich tanze in der U-Bahn, beim Einkaufen, im Flur der Institution, während ich an den Regalen einer Buchhandlung entlang gehe. Ein Kollege, der im gleichen Abteil der U-Bahn sitzt und den ich bis kurz vorm Aussteigen nicht bemerke, sagt, es sei wunderschön an meiner Lebendigkeit teilzuhaben. Ich lächel und er lächelt zurück aus seinem papierliebenden, gut strukturierten Gesicht.

Die Lyrikfreundin besucht mich, ich hole sie vom Zug, laufe mit ausgebreiteten Armen übers Gleis, wo sie den Rollkoffer fallen lässt und mich auffängt, als hätten wir keine Furcht vor Pathos. Zwei letzte kalte Tage liegen wir auf dem Teppich vor dem Ofen und lesen uns Gedichte vor. Suppe und Waffeln und keine Zigaretten. Die Wildgänse kommen zurück, ich stehe im Stroh am Feldrand und höre ihren Schrei über meinen Kopf hinweg.

We admire needing no one. Apparently the Trinity admires needing. Needing everything – total communion with all things and all beings. [Richard Rohr]

Während der Fortbildung in der Woche darauf pausiere ich oft in der Sofalandschaft an dem einen Ende des Raums, wo ich döse oder Tee trinke oder mit den Beinen baumel, während andere dazukommen, Salat essen und von Schweizer Technoclubs erzählen. Eine strikt wirkende Kollegin umkreist tagelang das Sofa, schafft es irgendwann neben mir Platz zu nehmen und schließlich ihren Kopf auf meine Schulter zu legen. Zum ersten Mal seit ich sie kenne, höre ich sie tief ausatmen.

Und dann die Nächte. Wechselndes Licht, wechselnde dunkle Himmel. Stellas schwarzes Haar, die silbernen Streifen darin. Finger und Hände der anderen zu greifen, reinzuschwingen in ihre Umlaufbahn, mich ziehen zu lassen und nicht zu widerstehen. Keine Angst mehr vor diesem schmelzendem Kontakt mit der Welt zu haben; bei vollem Bewusstsein aufzugeben.

Einen Samstag danach hocke ich in der Aprilsonne in der Mitte der Stadt auf einem grünen Streifen unter alten hohen Eichen. Es riecht nach einer Vorstufe von blühendem Baum oder Blumen. Meine Bauchdecke hebt und senkt sich. Der alte Rilke-Satz. Eins muss ich wieder können; fallen.