Die stabilisierende Wirkung, die die Arbeit in der Institution auf mich hat. Umgeben zu sein von Menschen, die Tendenzen in Richtung einer zwanghaften Persönlichkeitsstruktur aufweisen bringt viel Berechenbarkeit mit sich. Ich ruhe mich aus, während ich mit diesen Leuten zu tun habe. Ich ruhe mich aus vom ganzen Rest.

Am Samstag bin ich wieder auf mein 10 Jahre älteres Selbst getroffen. Sie ist eine no-bullshit-Tänzerin, so viel steht mittlerweile fest. Sie kommt drei Minuten bevor es losgeht in die dunkle Halle, setzt sich auf den Boden, unterhält sich mit niemandem, schließt die Augen. Schwer zu sagen, ob sie meditiert oder die 150 Leute ausblenden will, ihr Gesicht ist jung und alt und verrät nichts über ihre Verfassung. Sie trägt mit Vorliebe schwarze Ganzkörperbodys und darüber ein Achselshirt, das sie im Laufe der Nacht ausziehen und in eine Ecke pfeffern wird. Ich weiß jetzt, bei welchen Tracks sie die Arme hebt und in die Mitte geht; ihr gefallen Sirenen, U-Boot-Laute und elektronisch modifizierte Orgeln. Ich glaube, sie netflixt die gleichen Science-Fiction-Serien wie ich.

Später, etwa zwei Stunden später, mein 10 Jahre älteres Selbst flippt gerade vor dem DJ-Pult herum, fängt sie an zu schreien. Ein oder zwei Mal pro Nacht macht sie das, während sie tanzt. Ich habe auch Lust zu schreien und schreie mit, was sie bemerkt. Sie dreht sich um, erkennt mich und lacht. Ich bewege mich langsam in ihre Richtung, mir ist bewusst, dass ich ein Risiko eingehe. Es gibt an diesem Abend in dieser Halle niemanden, der so schnell und intensiv tanzt, wie sie und ich. Wenn wir unsere Körper an einer Stelle, an einem Punkt zusammenbringen, wird das eine Welle machen, die anderen Leute werden zwei Schritte zurückweichen, um uns Platz zu schaffen, was ich nicht will, ich will keine Plattform, aber ich will auch nicht mein älteres Selbst verpassen, wer weiß, ob wir uns wiedersehen, ob je wieder in Zeit und Raum ein Augenblick wie dieser eintreten wird, ein Handvoll prekärer Sekunden zwischen überhitzten Menschen, in der wir gemeinsam etwas versuchen. Dann tue ich es und komme ihr entgegen, die Frau am DJ-Pult legt den härtesten Track in ihrem Set auf und mein 10 Jahre älteres Ich und ich tanzen. Ich spüre, wie es mir buchstäblich die Sicherung raushaut. Ich fühle mich eingebettet und verwoben und fürchte nichts. Die Hitze nimmt schnell zu, ich will nur das, diese leibliche Begegnung. Und ich bekomme sie. Ich bekomme sie. Ich werde später nicht fragen, was sie macht und wo sie wohnt, worüber sie nachdenkt und was sie hinter sich gelassen hat. Es reicht, sie hier zu erleben, ihre vom Solarplexus bis an die Peripherie strahlenden Bewegungen. Ich weiß, wer so tanzt, aus dem Sonnengeflecht heraus, bricht entweder innerhalb weniger Minuten an dem aufsteigenden emotionalen Ballast zusammen oder hat bereits abgetragen, was dort lag.

though you fade from earthly sight,
declare to the silent earth: I flow,
to the rushing water say: I am.

[Rilke]

Rund zwei Dutzend Mal friert im Januar die Windschutzscheibe von innen ein – ich verbringe viel Zeit damit, auf nächtlichen Parkplätzen zu stehen und etwas frei zu kratzen. Einmal muss ich den Pannendienst rufen, bevor ich es mit aller Gewalt doch allein hinkriege, die eingerastete Handbremse zu lösen. Alte Autos. Im Winter immer ein Problem.

Unterdessen läuft die Druckbetankung im Intensivkurs weiter, am Ende jeden Tages sehe ich in die gestressten Gesichter der anderen Teilnehmenden und habe damit eine ziemlich genaue Vorstellung, mit welchem Ausdruck ich gerade durch die Gegend steuer. Ich sehne die Stunde herbei, in der ich einen blauen Müllsack aufreißen und 7,5 kg Diagnostik darin versenken kann. Final weeks. Marching in. Die reale Arbeit in der Praxis hingegen ist weiterhin ein Genuss. Wenn ich abends die Tür hinter mir zuziehe, schüttel ich ungläubig den Kopf darüber, in ein solches Glück hinein gemasselt zu sein. Eine Klientin fragt mich am Ende der Sitzung, ob es mich belastet. Hier zu sein, das zu tun. Ich sage, nein, es entlastet mich.

Quallen gehören zu den ältesten Tieren unseres Planeten. Der Körper einer Qualle besteht zu 99% aus Wasser und ist ein Gebilde aus zwei hauchdünnen Zellschichten, einer inneren und einer äußeren. Quallen haben Sinnesorgane und ein Nervensystem, aber kein Gehirn. Dass sie trotzdem jagen, Feinde bekämpfen und sich paaren können liegt an der angemessenen Reaktion ihres Nervensystems auf Außenwahrnehmungen. Verliert eine Qualle einen Tentakel oder einen Teil des Körperschirms, bildet sie das Verlorene wieder nach, in dem sie bestimmte Zellen zuerst in ein Embryonalstadium zurückentwickelt und von dort aus in einen beliebigen neuen Zelltyp verwandelt. Es gibt männliche und weibliche Quallen und es gibt Quallen, die zwei Geschlechter haben. Diese produzieren zuerst männliche Samen, dann eine weibliche Eizelle, befruchten diese und entlassen sie ins Meer. Aus der befruchteten Eizelle schlüpft eine Larve, die sich in einem passenden Gebiet festklebt und wächst, bis sie schwimmen kann.