Am Samstagabend sitze ich mit einigen Bekannten und Freunden in einem funktionalen Raum auf dem Boden und esse Pizza aus Kartons. Wir haben die Neonröhren ausgeschaltet, Lichterketten an das Flipchart und die Wanduhr gehängt, leise Musik angemacht und damit den Raum hinreichend weihnachtlich umgepolt. Es ist das Ende eines langen Tages und der Abend vor einem weiteren langen Tag und die meisten in der Runde sehen so erschöpft aus, wie man nur aussieht, wenn grundsätzliche Dinge einmal komplett auf links und im Anschluss wieder zurückgedreht wurden.
Ich bin auch müde und unterhalte mich mit meinem Nebensitzer auf dem Boden und frage ihn dabei nach dem für ihn wichtigsten Satz in einem bestimmten Film und er überlegt eine Weile, beugt sich vor, sagt den für ihn wichtigsten Satz und dann kommen ihm die Tränen. Ich schaue in sein Gesicht und denke, dass das meine neue Realität ist: umgeben zu sein von Leuten, die ungefähr in der Mitte ihres Lebens angekommen sind, einigermaßen versehrt dastehen, zulassen, dass dieses Leben sie weiterhin trifft und beschlossen haben, nicht dicht zu machen.

Dann springt die Playlist zu Bowie, ich stehe auf, drehe lauter und tanze, während ich damit hadere, immer der Depp zu sein, der anfängt mit dem Tanzen; diese Entäußerung, mein Körper, der Hunger nach allem. Ich versuche mich abzufinden mit meiner unfreiwilligen und nur halb gewählten Tendenz, Anschauungsmaterial abzugeben. Es kommt dann aber anders und Bowie hat noch nicht zu Ende gesungen, als ein recht großer Teil der Anwesenden neben und mit mir tanzt und erst kann ich es nicht begreifen und als ich es begreife macht etwas in mir: oh.

Am Dienstag darauf sind die Pfützen auf den Straßen eingefroren und spiegelglatt, ich fahre ins Büro, arbeite ein paar Stunden und friere in dem ausgekühlten Gebäude. Es ist eines dieser Gebäude, die prinzipiell irgendwann warm werden, in dem Finger und Füße aber durchgehend kalt bleiben. Die gefürchteten zitronengelben Institutsregale, die zwei Jahrzehnte in einem Magazin standen und nun mein Büro bestücken sollen, wurden angeliefert und stellen sich als ockerbraun heraus. Ich bin erleichtert. Zitronengelb ist eine so hässliche Farbe und sie hätte mich aufrichtig gestört. Gegen Mittag bemerke ich, den ganzen Tag noch keine anderen Mitarbeitenden angetroffen zu haben, die Türen sind zu, auf dem Gang nichts zu hören. Ich gehe in die Teeküche, um mir einen Tee zu machen und sehe das:

So sind sie, meine Kollegen. Langsam zum Zorn, ausdauernd und regeltreu, gehemmt beim Smalltalk, fair und loyal, vergnügt wenn keiner hinsieht. Ich bin sicher, der oder diejenige, die das getan hat, kam heute extra um 5:30 Uhr rein, kauerte mit verdrehten Knien und Pinzette in der Hand eine Stunde vor diesem Altar der Detailverliebtheit und glomm vor kleinteilig organisierter Lust. Solche Menschen stürzen kein Regime. Ist ein Regime aber erst mal gestürzt, leisten sie hervorragende Aufbauarbeit, archivieren die Vergangenheit und verschicken an alle den Link mit den Zugangsdaten.