Alle paar Jahre sagt Brad Pitt etwas, das mich nachhaltig prägt. Oder aufklärt über einen Sachverhalt, den ich bis dahin nicht dingfest machen konnte.

Vor Kurzem hat er zum Beispiel auf die Frage, warum er jetzt immer Leinenanzüge in ungewöhnlichen Farben trage, geantwortet, dass wir ohnehin alle sterben und es daher egal ist, was wir anziehen oder ob wir überhaupt etwas anziehen. Was ja eigentlich eine eher plumpe Betrachtung kollektiver Vergänglichkeit und unserem Verhältnis zur Mode ist. Ich weiß auch nicht, ob mir die Antwort gefallen würde, hätte sie jemand anderes geäußert.

Seit diesem Sommer gehe ich häufig in einem langen wehenden Rock spazieren. Es ist ein auffälliger Rock. Man kann ihn nicht nicht bemerken. Er fühlt sich gut an. Ich mag die Bewegung im Stoff und wie er fällt. Ich hätte ihn bis vor wenigen Wochen nicht tragen können, ohne mich zu winden unter dem Gefühl, eine lächerliche Schablone in einem lächerlichen Landlustkostüm in einem absurd idyllischen Abschnitt meines Lebens zu sein.
Aber jetzt denke ich: gönn dir.
Das hat Brad Pitt in mir bewirkt.

Ich wohne in einer Gegend, in der Kinder alleine draußen spielen. Auf dem Feld und im Wald, auch wenn sie erst sechs oder sieben Jahre alt sind. In den Bollerwagen, die sie hinter sich herziehen, sitzen ihre Kaninchen, Katzen und Lämmer und werden mit Gras und Salzstangen gefüttert. Diese Kinder nun haben mich und meinen Rock bemerkt. Sie sind fasziniert davon, sie schauen mich an und schauen mir nach. Ihre Irritation ist offensichtlich, sie wissen nicht, was ich bin und was sie mit mir anfangen sollen, suchen aber Gründe, mit mir ins Gespräch zu kommen. Manche trauen sich nicht her, können aber auch nicht anders, als von ihren Bollerwagen herüberzurufen: So ein schöner Rock!

Ein anderes Mal wurde Brad Pitt zu seiner Vergangenheit in einer amerikanischen Kirche befragt. Was er von den Phänomenen halte, die dort den Gottesdienstbesuchern widerfuhren; das Lachen, Zittern, Weinen, die Spontanheilungen und Enthemmung. Ob er diese Erfahrungen im Rückblick für Gruppentherapie halte, für körpereigene Drogenräusche, schamanische Reisen oder als das tatsächliche Handeln einer übergeordneten Gottheit. Brad Pitt sagte, er könne auch heute nicht beurteilen, was die Menschen da erlebt hatten, …I mean the people, I know they believe it. I know they’re releasing something. God, we’re complicated. We’re complicated creatures.

Heute war ich allein im Büro. Alle anderen im Homeoffice. Der Umzugstermin steht: 14. November. Ich werde diese Wände so vermissen! Der Raufaserteppich, das Waschbecken neben dem Schreibtisch, die braunen Türen, diese ganze 70‘er Jahre Gebäudedunkelheit. Ich fürchte, wenn wir zurückkommen, nach der Sanierung, wird hier alles clean und lichtdurchflutet sein.