You who are broken open

Es ist der Tag, an dem die Hälfte der Gruppe nackt in die Gumpe springt, Gedichtfragmente aufgesagt werden und 40 Zecken an einem einzigen Mann hängen. Der Tag des Kreislaufs, der flüssigen Schokoladenkekse und nachgeholten Erzählungen. Es ist vor allem der Tag des Zurückschauens auf den elendlangen Weg hin zu dieser heute okayen Körperlichkeit. Sich einigermaßen eingerichtet, vielleicht sogar mal kurz Zuneigung gefühlt zu haben für diese Gefährtin, die überall dabei war und alles bezeugt. Ich muss immer wenn ich eine demenzkranke Person treffe, daran denken, wie das Gehirn dieser Person jetzt nicht mehr weiß, was war. Ihr Körper aber schon. Und wie auch ich, als kognitiv noch intakte Person, nicht mehr weiß, was vor meinem 3. Lebensjahr war. Mein Körper aber schon. Wie mein Körper alles fühlte und ausgetragen hat und dies weiterhin tut und abbildet.

Es ist der Tag des gesegneten Pferds

Einmal im Jahr wird hier für die Pferde gebetet. Dazu werden ihnen Frisuren geflochten, Bänder und Rosen in die Mähne gesteckt, die Schweife gekämmt, das Geschirr mit Schellen behängt. Manche der Pferde ziehen Holzwagen, die einzig zu diesem Zweck seit Jahrzehnten gewartet, gestrichen, lackiert und am Morgen der Segnung mit Blumenbouquets gekrönt werden. Der Maximalismus, mit dem in dieser Gegend die Mensch-Tier-Beziehung (oder Mensch-ehemaliges-Arbeitsgerät-Beziehung) gefeiert wird: ich bin sehr angetan.

Ich war nie ein Pferdemädchen, kann mir aber vorstellen, wie erhebend es für 15-Jährige ist, auf einem großen schwarzen Wallach zur Kapelle zu reiten und dabei von allen gesehen zu werden. Die Mädchen an diesem Tag. Sie sind noch stärker als die Pferde.

Als der Umzug vorüber ist fahren wir zum Fluss. Er sieht harmlos aus an dieser Stelle. Das täuscht. Die Strömung in der Mitte ist reissend, ich kann nicht gegen die Fließrichtung anschwimmen. Zwei Bachstelzen hüpfen am Ufer herum. Die Steine wirken wie in der Sonne gebleichte Wäsche.

Im Kiesbett liegend denke ich an das Wenglein-Gemälde Kalksteinsammlerinnen im Isarbett. In unserem Rücken bewegen sich Weiden, ein weißer Schmetterling von der Größe meiner Hand landet auf der Schafgarbe. Ich weiß nicht wie ich das sagen soll: Es ist, als hätte ich mir dieses Leben vor langer Zeit ausgedacht. Und als sei ich dann da hineingegangen.

Und daneben die Gewissheit: Ich habe mir den Zustand, in dem ich jetzt bin, diese Gefühlslage, diese Beziehungen, diesen Ort weder nur erarbeitet, noch nur Glück gehabt. Wenn ich es beziffern wollte und das will ich manchmal, würde ich meinen Beitrag daran auf etwa 10 Prozent festlegen. Den ganzen Rest haben andere geleistet, erarbeitet, mir geschenkt, mir überlassen, auch ohne mich zu meinen. Es ist eine solche Legierung, in der man lebt. Eine Legierung aus wirklich allem.

Auch merke ich hier: Ich bin so viel Gutes nicht gewohnt. Dass meine Sinne fast konstant offen bleiben können und ich mich nicht mehr oft verschließen muss. Dass es genug Raum und Schönheit gibt. Erreichbar für mich.

Es ist der Tag des Schilfs, der Schlange und der Wasserlilie.

Wir gehen zu einem See, der nicht mehr lange ein See sein wird, denn sein Boden wächst der Wasseroberfläche entgegen. Tief und klar genug zum Baden ist der See aber noch, das scheinen die alten Frauen des angrenzenden Dorfes genau zu wissen. Mit hundertjährigem Katholizismus und Gicht in den Gelenken und nichts als ihrem Badeanzug am Leib wackeln sie die Dorfstraße entlang zum Wasser.

Am See ist es still, wir liegen auf den morschen Stegbrettern, das Schilf rauscht im Wind. Nach einer Weile packen wir zusammen und fahren zum Fluss. Am Fluss weht mehr Wind, das Wasser ist kälter und genau richtig, eine kleine schwarze Schlange schwimmt vorbei, die Kiefern am sandigen Ufer riechen nach Kiefer. Sonst ist nichts. Die Schlange und eine kurze Aufregung darum ist alles, was der Tag an Adrenalin zu bieten hat.

grow slow

Jede Stadt hat ihre Schnecke. Bis ich die Schnecke in meiner Heimatstadt gefunden habe, hat es eine Weile gedauert.

An diesem Juliwochenende gibt es häufig Gelegenheit, auf aufgeheizten Steinen zu sitzen, butterweich zu werden, zu verschwimmen. Die Pappeln werfen weiße Wolle in den Bordstein, an den Tischen wird leise in die Dunkelheit geredet.

Es ist eine Erlösung vom Gehirn in den Körper zu rutschen. Der Sommer hilft. Wenn doch immer Sommer wär.

In dieser Stadt wurde häufig roter Sandstein verbaut. Wären nicht 98% weggebombt worden, es wäre heute eine sehr rote Stadt. Geblieben ist Restrot. Manchmal in einem Turm, manchmal am Boden.

Es ist mir, zumindest im Juli, hier, unter Freunden und auf den aufgeheizten Steinen, viel klarer, dass jedes nachhaltige Wachstum langsam geschieht.

Ganz langsam krieche,
Schnecke,
am Fuß des Fuji
den Hügel
hinan.

Kontaktorgan

Heute Morgen in der S-Bahn einer Frau 25 Minuten lang dabei zugeschaut, wie sie sich schminkt. Wenn man aus der Pubertät raus ist, hat man gar nicht mehr oft Gelegenheit, jemandem in echt dabei zuzusehen; also nicht auf Youtube oder als Teil einer Performance. Schade war, dass sie mit dem Make-up nicht mehr so nahbar wirkte. Sie sah vorher sehr charmant aus, mit ihrem leicht verpennten Blick.

Juni

Es passiert nichts in diesen Tagen. Das Heu wird eingeholt und ich muss nicht daran beteiligt sein. Nur vorübergehen. Was ich gelernt habe sackt tiefer in mich hinein. Ich registriere passiv, dass es von selbst geschieht. Die Mittagsstunden sind heiß. Ich wechsel von der Sonne in den Schatten und zurück. Es ist warm bis in die Nacht.

Gartenfiktion

Die Schafe sind wieder ausgebüxt. Sie vor meiner Tür. Man darf ihnen nahe kommen - aber nicht streicheln!

Am Wochenende Fortbildung. Die Fortbildungen finden in einer Gärtnerei statt, die 80% der europäischen Print und Online Gartenzeitschriften mit Bildern versorgt. Daher stehen überall auf dem Gelände Kulissen. Hausfassaden ohne Haus dahinter, Zaunelemente, die nichts einzäunen, gut aussehende Hühner vor einem Tiny House, in dem niemand wohnt. In, auf und über den Kulissen bersten Rosensträucher, wachsen Pfirsichbäumchen im Kübel, leuchten Walderdbeeren vor ins Gras gelegten Weidenkörben.

Die Inhalte der Fortbildung weichen drastisch ab von dem hier geschaffenen hortus concluses. Die Theorie ist dicht, die Praxisübungen noch dichter. In mehreren Runden wird jeder Schritt auf seine Wirkung hin analysiert, weitere Optionen angeschnitten, kleinteilig von den Teilnehmern rückgekoppelt.

In den Pausen streune ich zwischen Fenchelbeeten und lege mich unter die Linden. Der Chefgärtner läuft heiter und mit Hut und grüner Gießkanne durchs Bild und fordert uns auf, bitte viele Erdbeeren zu essen. Er ist kein Statist.

Ich denke hier oft an Tschechow, Sokolow, Anna Achmatowa. In Tschechows Gesellschaften werden mit Vorliebe an heißen Sommertagen Theaterkulissen in den Garten des Landguts gezimmert, ein Pappmond in den Baum gehängt, den Zusammenkommenden ein Text ausgehändigt. Und da stehen sie dann.

Irina: “Als ich heute erwachte, aufstand und mich wusch, schien es mir plötzlich, als sei mir alles klar auf der Welt, und ich wusste, wie man zu leben hat.”

Platonow: “Aber trotzdem begann der Kummer der allgemeinen Lage ihn wieder zu quälen, er spürte manchmal das gesamte äußere Leben als das eigene Innere.”

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She said, there’s a way to work through it.
You won’t be damaged forever.

We don’t want other worlds, we want a mirror. (Solaris, 1970)

Immer wenn ich denke, die Pfingstrose habe ihre maximale Öffnung erreicht, geht sie eine Stufe weiter. Ich weiß nicht, wie sie das aushält. Diese Ausdehnung, Auffaltung, das totale Exponiertsein.

Gestern war der Mond ein Ei. Ich folge ihm und seinen Formen; den verbeulten, halbfertigen, zurück gehenden. In meinem Gedächtnisspeicher habe ich ein Mond-Depot angelegt. Darin archiviert sind käsegelbe Vollmonde über Fichtenwäldern und bleich rosa Dreiviertelmonde über klirrend kalten Schneefeldern. Einige der Monde hängen an Hochhäusern, mehrere sinnliche Sicheln vor pflaumenblauen Abendhimmeln. Und es gibt auch, besonders gut verwahrt, einen an Bergzacken entlang schrammenden rötlichen Giganten.

Allerdings, der vielleicht wichtigste Archivmond befand sich vor einem Jahr in der französischen Provinz. Es hatte unter den Freunden den ganzen Tag über unterschiedliche Aussagen und Einschätzungen dazu gegeben, wann genau der Mond über diesem Dorf aufgehen würde. Eine Stunde harrten wir zu Neunt an der warmen Hauswand, um in der Sekunde des Aufgangs da zu sein. Wir waren da. Und schrien vor Glück, als er hochging.

Wasserfall. In einer der grünen eisigen Gumpen baden wir. Es presst einem die Luft aus der Lunge. Es existiert in solchen Gumpen kein Gedanke. Sensorisch eine einzige Überforderung.

Bleiben

Nach den Tagen in der Behörde liege ich unaufgeräumt in der Wohnung und bin zu nichts in der Lage. Draußen feucht warm. Es wächst Farn. Ich unterlasse es, zu lernen, mit meiner freien Zeit etwas anzufangen. Am Samstag hebe ich mich auf und fahre in die Stadt. Vor der Ludwigskirche hängen transparente Fahnen. Eine blaue Kugel vor durchsichtigem Grund. Neben den vielen hässlichen Flaggen auf dieser Welt existieren also auch noch ein paar ganz schöne.

Die Nacht wird lang. Im Hirschgarten sitze ich mit Freunden um ein Grillfeuer und esse Frühlingsrollen. Je dichter die Dunkelheit, desto näher fühle ich mich den Menschen. Ich brauche dazu keinen Alkohol. Das war nicht immer so. Beides haben zu können - Verbindung zu mir und Verbindung zu anderen - das ist der große Rausch, nachdem ich so lange gesucht habe. Er ist nicht verfügbar, dieser Rausch, er gehört mir nicht, ich kann ihn nicht herstellen. Mich lediglich bereithalten und konstant hinwenden zu mir.

Unweit unseres Platzes auf der Wiese fasst sich eine Familie oder ein Familienverband an den Händen und tanzt einen folkloristischen Reigen. Ich glaube, es wäre okay, rüber zu gehen und mitzumachen.

Weiterhin beschäftigt mit Ohnmacht.
N. Dass ich ihn nicht am Leben erhalten konnte. Der Größenwahn, zu meinen, jemanden am Leben erhalten zu können. Verschwommene Erinnerung, in der Stunde nach der Nachricht, im Kreis gelaufen zu sein. Auseinanderzufallen.

Jemand, der sich mit Ohnmacht auskennt, schreibt: Auf Ohnmacht antworten wir gern mit Macht. Mit Aktivismus. Eine Tat zu tun ist leichter als das Unaushaltbare zu halten. Sind deshalb unsere Taten vergeblich? Nein. Aber sie ändern nichts an unserem Ausgeliefertsein.

Du könntest den Bergen die Adern aufschneiden, als Zeichen eines großen Gerichts. Aber dir liegt nichts daran. Sanften Gesichts siehst du den Tragenden zu. [Rilke]

Wirf dein Hab und Gut aufs Meer. Vielleicht kommt es zurück zu dir

Dann kommen Freunde. Wir gehen auf einen Berg. Wir gehen zum See. Der Wind bewegt das Gras, hoch und ungemäht an der Stelle mit den lila Blumen. Einem Kind wird ein Kranz ins Haar geflochten, die anderen sichten Greifvögel, eine schwarze Schlange kriecht vorbei, die dicke Zunge des sehr jungen Kalbs leckt über meinen Handrücken.

Die Abstufungen des Ausgeliefertseins beschäftigen mich. Die kleinen Kontrollverluste jeden Tag. Und die große Ohnmacht. Ohne Macht am Leben zu sein.

An die kleinen Kontrollverluste versuche ich mich zu gewöhnen. Mitzuschwimmen, wenn möglich. Die Ohnmacht hingegen.


W.

Woschtschew nahm in der Wohnung seine Sachen in einen Sack und ging nach draußen, um an der Luft seine Zukunft besser zu verstehen.

[Die Baugrube, Andrej Platonow]

Kooperation

Am nächsten Tag sind wir im Gebirge, die Murmeltiere pfeifen die Hänge runter, eine Gams sieht uns lange an, bevor sie durch den Schnee ins Tal trabt. Eine einzige Üppigkeit an Freundschaft und Blumen breitet sich aus. In einer besonders heißen Serpentine aufwärts bleiben wir stehen unter ätherisch duftenden Latschenkiefern. Wir sind zu sehr außer Atem, um etwas zu sagen. Stehen da in stummer Vereintheit. Große Landschaften sind ja wie gemacht dafür, alles wieder ins rechte Licht zu rücken.

Vor und zurück

Der ganze Sektor der eigenen Ohnmacht, Unsicherheit, Wackeligkeit. Die Passage der Angst, die ich durchlaufe. Jedes Mal wieder diese Passage, um in die nächste Weite zu kommen.

Heroin chic

Mitte der Neunziger sahen Models, die durch Zeitschriften und Musikvideos schlichen, häufig aus, als kämen sie gerade vom Magenauspumpen. Erscheinungen von Mangelernährung und Selbstverletzungsnarben waren dann auch der erste Eintrag, den ich als Fünfzehnjährige in meinem internen Orientierungskatalog unter Schönheitsideal ablegte. Die am Rand der Suizidalität entlang kuratierte Ästhetik wich, wenn ich mich recht erinnere, erst in den Nullerjahren einem etwas stabiler wirkenden Frauenbild. Ich hielt mich spätestens mit Anfang Dreißig für eindeutig genesen von dieser frühen Sehstörung.

Es dauerte dann aber doch noch eine ganze Weile bis die alten Informationen vollständig überschrieben waren. Ab 2015 gab es für einen relativ kurzen Zeitraum ein Label aus New York, das sehr viele verschiedene Frauen in sehr teurer Unterwäsche in ungewöhnlich bequemen Bewegungen ablichtete. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal auf eines dieser Fotos stieß und irritiert war. Wie ich am nächsten Tag zu dem Onlineshop zurückkehrte, um noch einmal alle Frauen anzusehen und das dann jeden Tag gemacht habe, monatelang. Einen ganzen Herbst und einen ganzen Winter. Bis irgendwann im Frühjahr das Bedürfnis, die Bilder zu sehen, nicht mehr ganz so dringlich schien und ich nur gelegentlich auf der Seite verweilte; eine Art Erhaltungsdosis.

Und dann die Mittagspause im Sommer darauf, als eine Kollegin etwas Abwertendes über ihren eigenen Körper sagte und ich zusammenfuhr vor Schreck und Verblüffung. Ich habe ihre Aussage nicht mit einer gut gemeinten Entgegnung korrigiert. Ein Kompliment kann nicht ersetzen, was sechs Monate Sehschule bewirken. Und einmal Erworbenes kann wieder verloren gehen.

Wenn ich an einer Herde vorüber gehe, die Hermeline übers Feld flitzen sehe, die Elstern auf der Dachrinne, denke ich, dass weder diese Tiere noch ich mir ausgesucht haben, worin wir gelandet sind. Und es nahe liegt, sich zu verbünden. Ein jedes Wesen mit seiner Form.

Sylvia Plath

Der Blutstrom ist ein Gedicht
stillen kann man ihn nicht

…, dass wir nicht wussten voneinander

Das Schilf ist eigentlich ein Moor oder ein unterirdisches Delta oder ein Moos. Jeder, der in der Nähe wohnt, bezeichnet es anders. Am Rand des Schilfs leben Tagpfauenaugen und Zitronenfalter zusammen mit einigen Tausend Bienen entlang einer sehr feuchten Wiese. Auf der gegenüberliegenden Seite der Wiese verläuft ein Bach. Dieser Bach wird von einem Biber bewirtschaftet. Der Biber staut und verlegt seit mehreren Jahrzehnten das Wasser.

Ich lege mich an das Bachbett und verhalte mich ruhig im vagen Wunsch, der Biber möge an mir vorbei schwimmen und ich ihm dabei zusehen, wie er einen Baum annagt.

Während ich mich ruhig verhalte schlafe ich ein. Als ich aufwache habe ich einen leichten Sonnenbrand und fühle mich mir selber nah. Ich fühle mich eindeutig innerhalb meines Körpers und eindeutig innerhalb meines ichs. Ich betaste meine Wangen und meine Arme. Ich bin ganz klar umrissen und aufgehoben auf sehr leibliche Art. Aufbewahrt. Nach vier Wochen, in denen ich jeden Tag mit Schmerzen an den verstorbenen Jungen gedacht habe, bemerke ich, dass ich selbst noch hier bin. Auf der Erde. In mir. Auf dem Rückweg bin ich hungrig. Ich bin viel länger im Schilf geblieben als geplant und kann mich auch jetzt nur schwer losreißen. Im Wald biege ich aus einer Kurve kommend an den Fichten ab und zum Feldweg ein. Im Gras, rund dreißig Meter von mir entfernt, steht ein Fuchs und sieht mich an. Ich bleibe stehen und schaue zurück. Er ist unfassbar schön. Und sehr rot. Einen kurzen Moment stehen wir beide so. Dann entscheidet etwas in ihm, das Weite zu suchen, er dreht sich um und verschwindet im Unterholz.

Dann geschieht Folgendes in folgender Reihenfolge

Mein Cousin stirbt an Corona. Einen Tag darauf beginnt Putin einen Krieg in der Ukraine. Ich fahre zu der Beerdigung des Cousins. Spreche mit Freunden über ihn, über die Ukraine und fahre zurück. In München helfe ich bei der Unterkunftsvermittlung für Geflüchtete. Tagsüber treffe ich Familien aus Charkiw, nachts versuche ich mich davon abzuhalten, Kriegsvideos anzuschauen.Dann stirbt mein Patensohn. Ich fahre zu der Mutter des Jungen. Organisiere die Beerdigung, organisiere ihren Umzug und spreche täglich mit Polizisten. Bei der Trauerfeier stehen Jungs und Mädchen in der Halle, die mit ihm gefeiert haben in der Nacht vor seinem Tod. Die Trauerrednerin verneigt sich vor dem Sarg. Es schneit und ist kalt. Er war 19 Jahre alt.

Das alles ist nur erträglich, weil ich fühlen kann, was passiert, während all das passiert. Weil ich nicht mehr so hart bin und nicht allein. Ich weine in der U-Bahn und im Zug. Im Wald, im Auto, im Flur, bei der Etatverteilung, während ich seine letzten Nachrichten an mich lese, während die Sargträger vor uns herlaufen und als jemand in der ersten furchtbaren Stunde eine Hand auf meinen Rücken legt.

do not go gentle into that good night

Die Brandung kommt. Ich trage in Eimern weg, was ich kann. Suche, jedem in die Augen zu schauen. Kein Wort zu sagen, über niemanden. Zu handeln, als sei kein Mensch von mir getrennt, unsere getrennten Körper nur ein Missverständnis. Solange es Tag ist, glaube ich das. Erst nachts sehe ich mir die Bilder an. Denke und fühle in Feindbildern. Es braucht nur ein wenig Müdigkeit, um allen Glauben aufzuheben. Ich kann nur hoffen, immer wieder wach zu werden.

Navid Kermani

Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.