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Sylvia Plath

Der Blutstrom ist ein Gedicht
stillen kann man ihn nicht

…, dass wir nicht wussten voneinander

Kurz darauf werde ich 42 und entschließe mich, den Tag allein zu verbringen. Es ist ungewöhnlich warm, ich ziehe Sandalen an und gehe übers Feld ins nächste Dorf und von dort an den Kuhweiden vorbei den Hang hinunter. Eine kleine Weile laufe ich unter Fichten und Buchen, dann öffnen sich die Baumgruppen und das Schilf beginnt.

Das Schilf ist eigentlich ein Moor oder ein unterirdisches Delta oder ein Moos. Jeder, der in der Nähe wohnt, bezeichnet es anders. Am Rand des Schilfs leben Tagpfauenaugen und Zitronenfalter zusammen mit einigen Tausend Bienen entlang einer sehr feuchten Wiese. Auf der gegenüberliegenden Seite der Wiese verläuft ein Bach. Dieser Bach wird von einem Biber bewirtschaftet. Der Biber staut und verlegt seit mehreren Jahrzehnten das Wasser, was neben den Bodenbedingungen vielleicht das unterirdische Delta, Moos, Moor oder Schilf erst hat entstehen lassen.

Stellenweise ist das Schilf verlandet, hier wachsen Schlüsselblumen, niedrige Birken und Weiden und hier führt ein Weg in eine Gegend, in der meine Definitionen ermüden und versickern. Vielleicht liegt es an dem unklaren Untergrund, dem Nachgeben des Bodens, dem ungewöhnlich warmen Tag. Ich lege mich an das Bachbett und verhalte mich ruhig im vagen Wunsch, der Biber möge an mir vorbei schwimmen und ich ihm dabei zusehen können, wie er einen Baum fällt.

Während ich mich ruhig verhalte schlafe ich ein. Als ich aufwache habe ich einen leichten Sonnenbrand und fühle mich mir selber nah. Ich fühle mich eindeutig innerhalb meines Körpers und eindeutig innerhalb meines ichs. Ich betaste meine Wangen und meine Arme. Ich bin ganz klar umrissen und aufgehoben auf sehr leibliche Art. Aufbewahrt.
Nach vier Wochen, in denen ich jeden Tag mit Schmerzen an den verstorbenen Jungen gedacht habe, bemerke ich, dass ich selbst noch hier bin. Auf der Erde. In mir.

Auf dem Rückweg bin ich durstig und hungrig. Ich bin viel länger im Schilf geblieben als geplant und kann mich auch jetzt nur schwer losreißen. Im Wald biege ich aus einer Kurve kommend an den Fichten ab und zum Feldweg ein.
Im Gras, rund dreißig Meter von mir entfernt, steht ein Fuchs und sieht mich an. Ich bleibe stehen und schaue zurück. Er ist unfassbar schön. Sehr rot. Und auf elastische Weise entspannt.
Einen kurzen Moment stehen wir beide so. Dann entscheidet etwas in ihm, das Weite zu suchen, er dreht sich um und verschwindet im Unterholz.

Dann geschieht Folgendes in folgender Reihenfolge

Mein Cousin stirbt an Corona. Einen Tag darauf beginnt Putin einen Krieg in der Ukraine. Wir fahren zu der Beerdigung des Cousins. Wir sprechen über ihn, über die Ukraine und fahren zurück. In München helfe ich bei der Unterkunftsvermittlung für Geflüchtete. Tagsüber treffe ich Familien aus Charkiw, nachts versuche ich mich davon abzuhalten, Kriegsvideos anzuschauen.

Am Sonntagabend ruft eine Freundin aus P. an. Sie sagt, sie steht in der WG ihres Sohnes. Der Junge liegt tot in seinem Bett.
Ich gebe meinen Kollegen Bescheid, organisiere Vertretung, packe eine Tasche und fahre zu ihr. Als ich ankomme und sie auf mein Läuten nicht sofort öffnet, ziehen meine Ängste auf die Überholspur und für die Dauer einer Minute glaube ich, den Verstand zu verlieren. Dann öffnet sie und der Hund springt an mir hoch. Wir sitzen in ihrer Küche, in ihrem Wohnzimmer, auf dem Teppich.
In den nächsten 48 Stunden sprechen wir mit Polizisten, Sozialarbeitern, Sachberbeitern und Bestattern. Ich recherchiere Antragsverfahren und Zuständigkeiten, organisere Transporte, Fahrer, Helfer und Kartons. Als es dunkel wird laufe ich auf eine Anhöhe über der Stadt und rolle mich auf der Wiese zusammen.

Am Tag darauf kommt ein Anruf, die offizielle Freigabe: wir dürfen noch einmal in seine WG, in das Zimmer. Der Junge war 19 Jahre alt.
Ich bin seine Patentante. In meinem Kalender steht für den Sommer: Mit N. in die Berge gehen.

Ich fahre zurück. Wegen Zugausfällen bin ich acht Stunden unterwegs. In der Arbeit startet am Tag meiner Rückkehr die gefürchtete Neuansetzung des Etats. Ich habe drei Tage Zeit, sehr viel Geld auf hunderte neu entstandene Posten zu verteilen, Unregelmäßigkeiten zu überprüfen und alle nötigen Emails zu schreiben. Zwischendurch ruft immer wieder der Bestatter an. Er will Garantien. Er will Änderungen. Meine Kollegen werden krank. Ich mache Überstunden. Dann packe ich wieder eine Tasche und fahre zu der Beerdigung. Ich treffe auf Menschen, die ich zwanzig Jahre lang nicht gesehen habe. Hinten in der Halle stehen Jungs und Mädchen, die mit ihm gefeiert haben in der Nacht vor seinem Tod. Die Trauerrednerin verneigt sich vor dem Sarg. Es ist 1 Grad und sehr kalt.

Das alles ist nur erträglich, weil ich fühlen kann, was passiert, während all das passiert. Weil ich nicht mehr hart bin und nicht allein. Ich weine in der U-Bahn und im Zug. Im Wald, im Auto, im Flur. Bei der Etatverteilung und beim Abschließen des Büros, während ich seine letzten Nachrichten an mich lese, während die Sargträger vor uns herlaufen und als jemand in der ersten furchtbaren Stunde eine Hand auf meinen Rücken legt. Es ist erträglich, weil Fremde und Freunde sofort bereit sind, etwas zu tun, etwas zur Verfügung zu stellen, auf irgendeine Weise dabei zu sein. Ich kann nicht beurteilen, ob es für die Mutter erträglich ist. Ich vermute, nicht.

do not go gentle into that good night

Während andere es sich nicht mehr leisten können, waffenunkundig zu sein, bin ich hier. Ich warte auf die Brandung. Die Brandung kommt. Ich trage in Eimern weg, was ich kann. Suche, jedem in die Augen zu schauen. Kein Wort zu sagen, über niemanden. Zu handeln, als sei kein Mensch von mir getrennt, unsere getrennten Körper nur ein Missverständnis. Solange es Tag ist, glaube ich das. Erst nachts sehe ich mir die Bilder an. Denke und fühle in Feindbildern. Es braucht nur ein wenig Müdigkeit, um allen Glauben aufzuheben. Ich kann nur hoffen, immer wieder wach zu werden.

Navid Kermani

Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.

Die genaue Stunde

Wir werden mehrmals gewarnt, das Update nicht während der Arbeitszeit zu installieren. Es könne zu mehrstündigen Zeiteinbußen kommen. Eine kleinteilige Handlungsanweisung will uns davor bewahren, gängige Fehler zu machen, Daten zu verlieren, untätig herumzusitzen. Dann meldet die IT Verzögerungen, das Update wird einige Wochen lang nicht bereitgestellt und gerät in Vergessenheit.

Heute sitze ich versonnen an einer Analyse und klicke ein paar Systemmeldungen weg, wenige Sekunden bevor sich der PC bei mir für das Okay zum Update bedankt und mich verabschiedet.
Es ist ein sonniger Tag. Ich gehe auf den Dachgarten.

Der Dachgarten des Instituts ist übersät mit bodendeckenden Sukkulenten, Moos und dem Flor der jeweiligen Jahreszeit. Außer mir ist niemand hier. Ich weiß nicht warum. Der Brandschutzbeauftragte hat den Aufenthalt ausdrücklich genehmigt.
An die aufgewärmte Gebäudewand gelehnt schließe ich die Augen, spüre keinen Hunger oder den Impuls, etwas zu bedenken. Ich rutsche in die totale Absichtslosigkeit. Das gelingt mir nicht oft. Ich betrachte es nicht als Verdienst, wenn es eintritt. Aus dem Lüftungsschacht ist ein stetes sanftes Rauschen zu vernehmen. Weiter unten der Verkehr.

Dieses Gebäude wird bald weg sein. Die Wand an der ich lehne und alles dahinter, darunter und darin. Es ist ein Jammer, denn es ist ein gutes Haus.
Gebaut in den 70’ern, voller Fehler, voller Ineffizienz. Teppiche in den Fluren und Teppiche in den Büros. Verschwenderisch in der Bemessung und protzend, wo es niemand sieht. Als sollte jede Schreibkraft sich als Herrin ihres Korridors fühlen. Beinfreiheit und lederne Freischwinger, Sitzgruppen und Einzelzimmer, dunkles Holz und dunkler Stein vor schwer ins Schloss fallenden Türen, dahinter Archive und verschwiegene Lichthöfe.

Der Abriss kommt. Er ist beschlossen, bezahlt und durch alle Instanzen gegangen. Er verzögert sich zwar und gibt mir Gelegenheit hier noch eine Weile rumzustehen, doch kommen wird er, wie das Update, auch wenn die Stunde, in der es passiert, eine Überraschung ist. Ein bisschen Verblüffung. Der Abend, an dem wir tatsächlich die Mäntel vom Haken nehmen und gehen.

Vollmond. 21 Uhr.

Über der gesamten Länge der Hackerbrücke sitzen Jugendliche auf den genieteten Querstreben der Eisenträger, lassen ihre Beine in Richtung der Gleise hängen, Alkohol aus Plastikbechern, am Boden liegt zerbrochenes Glas, aber niemand hat es böse gemeint. Die Stimmung ist insgesamt gut, das geglückte Erklettern der Eisenstreben, der Akt des sich hinauf Schwingens und von helfenden Händen hochgezogen Werdens, hat bereits einiges an Berührung mit sich gebracht.

Brüder Karamasov

Aber was soll mir solche Rache, was soll mir die Hölle für die Peiniger, was kann die Hölle da korrigieren, wenn die Opfer schon gemartert sind?

Deine andere Form

Vor einigen Wochen bin ich umgezogen. Mitten im Lockdown. Mitten im Schneetreiben. Ich bin in eine Gegend gezogen, in der nicht viele Menschen leben. Im Winter ist es hier ab 17 Uhr finster. Wenn es schneit, ist kein Weg und keine Straße zu erkennen. Nachts trete ich vor das Haus und pflüge zu den weißen Hügeln. Nichts bewegt sich. Nichts mit menschlichem Auge Auszumachendes. Es ist zu windig, um länger auszuharren.
Dann ist es Februar. Die Wiese dampft.
Wo im Vorjahr Heu geerntet wurde, liegen nass und gebogen die gelben Halme. Dazwischen steht, direkt auf dem Feld, ohne Versteck und leuchtend weiß; ein Hermelin. Ich habe lange darauf gewartet, an einem Ort zu leben, wo so etwas existiert.

Durchhalten

Geträumt, dass ich Alexej Nawalny in einer Altbauwohnung verstecke, die ich extra zu diesem Zweck angemietet habe. Aufwendige Sicherheitsvorkehrungen (Schlüssel, Code, Klopfzeichen) werden von mir getroffen.
Dummerweise verschaffen sich ein Dutzend Feiernde aus dem Erdgeschoss Zugang zu der Wohnung. Sie finden die Idee, jemanden zu verstecken, witzig, wollen auch behilflich sein, verkennen aber den Ernst der Lage.
Als Alexej Nawalny eintrifft, überreisst er mit einem Blick die Situation und sagt: Hier kann ich nicht bleiben.

Foto: Alexej Nawalny © Simonovsky District Court/​Reuters, Zeit online, 02.02.21