W.

Woschtschew nahm in der Wohnung seine Sachen in einen Sack und ging nach draußen, um an der Luft seine Zukunft besser zu verstehen.

[Die Baugrube, Andrej Platonow]

Kooperation

Die neue Aufgabe. Sie ist aufreibend, komplex und verlangt mehr als ich ursprünglich geben wollte. Ich verabschiede mich von meinem Team, meiner Institution, wechsel in ein anderes Unternehmen, ob für 3 Monate, 6 Monate oder länger bleibt unklar. Am neuen Schreibtisch bekomme ich einen Ordner mit Gesetzestexten, einen mit Verfahrensregeln, einen zur Aktenkunde und 5 Kollegen, die im Schnelldurchlauf Fachwissen in mich frachten. Es trifft mich und viele andere Mitarbeiterinnen. Es ist eine Ausnahmesituation und wir sind abrufbar. Was ich im letzten Jahr erworben habe, hat keine Bedeutung mehr: Transliterationen des griechischen Alphabets, Besonderheiten türkischer Verlage, Abgründe der Etatansetzung und die Meisterung derselben. Es fehlt mir - das Polster meiner Kompetenz. Ich bin unglücklich und die häufigen Umbrüche leid. Am Abend des ersten Tages mit der neuen Aufgabe liege ich zermatscht im Bett und gräme mich. Jammern ist gesund. Ich glaube, mich damit anteilig von meiner Neurodermitis geheilt zu haben. Ich pflege meine Bequemlichkeit und füge mich nicht ohne Aufstand in einen neuen Umstand. Eine Weile liege ich so. Dann höre ich Beppo Straßenkehrer oder Gott oder mich - wie wir sagen:

Nicht den ganzen Weg anschauen. Nur den nächsten Schritt. Atem, Schritt, Besenstrich.

Es ist simpel und tröstet. Wir drei im Chor. Zermatscht und street wise. Mein Gram legt den Kopf an meine Schulter. Ich schlafe ein und träume von Papier.

Es hilft, die Unbequemlichkeit zumindest im Dienst eines guten Zwecks zu tun. Diejenigen, für die ich ab heute Akten wälze haben mehr verloren als ihre kleine private Kompetenz. Ich weiß nicht, wer in ihrem Kopf mit welchen Worten spricht. Ob überhaupt noch jemand spricht.

Am anderen Tag sind wir im Gebirge, die Murmeltiere pfeifen die Hänge runter, eine Gams sieht uns lange an, bevor sie durch den Schnee ins Tal trabt. Eine einzige Üppigkeit an Freundschaft und Blumen breitet sich aus. In einer besonders heißen Serpentine aufwärts bleiben wir stehen unter ätherisch duftenden Latschenkiefern. Wir sind zu sehr außer Atem, um etwas zu sagen. Stehen da in stummer Vereintheit. Große Landschaften sind ja wie gemacht dafür, alles wieder ins rechte Licht zu rücken.

Vor diesem Hintergrund scheint es kleinlich, wegen einer neuen Aufgabe unglücklich zu sein. Aber ich will nicht herabsehen auf mich. Und jedes Gefühl in mir unterbringen.

Flanke an Flanke

Nach einem durchgetakteten Tag hinter diesen Mädchen zum Stehen gekommen. Ihre liebevolle Verabschiedung in der großen Kleidung, als die eine zusteigen und die andere zurück bleiben muss. Die Selbstverständlichkeit mit der sie sich angleichen wollen (können) müssen. Die Erinnerung, das als Teeanager mit der Freundin genauso auch gemacht zu haben. Eine schwer zu beschreibende Art von Stärke dabei empfunden. Vielleicht: Die Verdoppelung der eigenen Abwehrkraft. Oder schlicht: Rudel gefunden.

Die Version der Erwachsenen. Eine Winternacht vor Corona. Wir treten aus der Bar, frieren, ziehen die Mützen auf und sehen dann so aus:

Vor und zurück

Viel Regen und daher Gelegenheit, drinnen zu sein. Lernen. Die Lust, es nicht gehetzt tun zu müssen. Sekundärliteratur lesen, zwanzig Minuten aus dem Fenster starren, die neuen Informationen mit den alten abgleichen.
Ich hätte mir das früher nicht erlaubt; Stoff, den andere innerhalb eines Jahres in sich hineinpressen, auf zwei Jahre auszudehnen. Hand in Hand mit meiner Herangehensweise Leichtigkeit dabei zu empfinden.

Im Wald den Barfußpfad gegangen. Ich in Barfußschuhen (he he), das Kind des Bruders in echt barfuß. Das Kind nimmt die gesamte Runde mit Genuss und Neugier, nur am Übertritt zu den kleinen spitzen Zweigen scheut es zurück. Später allerdings, als wir längst auf etwas anderes fokussiert sind, bemerke ich, wie es allein und ohne Hilfe über die Zweige wankt. Nur aus dem Augenwinkel habe ich das gesehen. Fast verpasst.

Der ganze Sektor der eigenen Ohnmacht, Unsicherheit, Wackeligkeit. Die Passage der Angst, die ich durchlaufe. Jedes Mal wieder diese Passage, um in die nächste Weite zu kommen.

Ich, die ich wirklich rein gar nichts von Mode verstehe, schaue zur Unterhaltung und vor dem Einschlafen die US -amerikanischen Designer-Castingshows. Frauen und Männer, die antreten “the next global brand” zu werden.
Erfreulicherweise finden sich unter den Belgiern, Kolumbianerinnen, Italienern und Amerikanerinnen manchmal auch Personen im fortgeschrittenen Alter, die drei Jahrzehnte Arbeitsleben auf dem Buckel haben. Wie die immer schwarz gekleidete und sanft lächelnde Esther Perbandt, die in stressigen Situationen über ihre Entwürfe gebeugt murmelt: Everything I want is on the other side of fear.

Neben der Handwerkskunst sind es diese gezeichneten und sicher mehrfach gescheiterten Gesichter, die mich so hervorragend unterhalten und scheinbar auch sedieren - ich schlafe ruhig und eingebettet im Gemurmel der wankend vorwärtsschreitenden Mitmenschen.

Hibi

Ich habe lange nicht wahrhaben wollen, wie kompliziert ich geworden bin. Rund zehn Jahre brachte ich damit zu, zu hoffen, es gehe vorüber. Wenn Freunde davon berichteten, zum Zwecke ihrer Yogaausbildung oder im Rahmen eines Engagements in der Entwicklungshilfe monatelang mit zwanzig Personen und null Privatsphäre in einem Raum auf dem Boden geschlafen zu haben, glomm in mir gegen alle Vernunft der leise Wunsch, dazu auch einmal in der Lage zu sein.

Unter den verschiedenen Kompliziertheiten war und ist die Geräuschempfindlichkeit die für mich am schwierigsten zu handhabende und vielleicht auch die Tatsache, die ich mit der größten Ausdauer in mir niederzuringen suchte. Könnte ich zehn Jahre zurück reisen würde ich der Frau, die ich damals war, gern einmal fest in die Augen schauen und gutmütig sagen, lass es.
Lass es, du kleine dumme Nuss.
Oder auch mit den Worten eines Freundes: Das lässt sich doch mit Technik lösen.

Nachdem besagter Freund mehrmals kopfschüttelnd Zeuge meiner Einbrüche wurde, lag vor zwei Jahren dieser noise cancelling Kopfhörer auf dem Tisch. Warum ich letztlich, ich kann selber nicht fassen was ich jetzt hier schreibe, mich weigerte den Kopfhörer zu benutzen und ihn mit Einverständnis des Freundes sogar weiterreichte… das lässt sich vermutlich nur mit Hilfe eines dafür ausgebildeten und bezahlten Menschen klären.

Es hat dann aber, und dafür bin ich der Unerbittlichkeit der Umstände sehr dankbar, doch nur noch 2-3 weitere Einbrüche gebraucht, um mich weichzukochen für die Einsicht, dass mir mit meinen Mitteln nicht mehr zu helfen ist.
Dass ich Hilfe brauche, die diametral entgegengesetzt ist zu meinem bisherigen Vorgehen. Der Kopfhörer wurde erneut bestellt, in den Rucksack gepackt und hält sich bereit. Die belastenden Situationen treten weiterhin ein, ich sehe sie kommen, ich greife in den Rucksack und dimme alles herunter. Ich stehe in keiner U-Bahn, in keinem Supermarkt, auf keiner Demo mehr ohne die Kopfhörer herum. Ich ziehe sie ab für Gespräche, unterhalte mich und ziehe sie wieder auf. Und es hat niemanden außer mich selbst überrascht: Ich fühle mich gut.

Außerdem gelernt: Hotelzimmer mit Sandelholz ausräuchern, eigenen Kopfkissenbezug mitbringen, Hotelbilder abhängen, Hoteldeko wegräumen, Bierzelt nach dem zweiten Bier verlassen, pastellfarbene Kleidung tragen, den TGV buchen, im gleichen Rhythmus wie die Raucher vor die Tür gehen, ein Tier oder eine Pflanze ansehen und wenn irgendwo Event draufsteht - den Ort weiträumig meiden.
Bierzelt ist ab und zu okay.

Heroin chic

Mitte der Neunziger sahen Models, die durch Zeitschriften und Musikvideos schlichen, häufig aus, als kämen sie gerade vom Magenauspumpen. Erscheinungen von Mangelernährung und Selbstverletzungsnarben waren dann auch der erste Eintrag, den ich als Fünfzehnjährige in meinem internen Orientierungskatalog unter Schönheitsideal ablegte. Die am Rand der Suizidalität entlang kuratierte Ästhetik wich, wenn ich mich recht erinnere, erst in den Nullerjahren einem etwas stabiler wirkenden Frauenbild. Ich hielt mich spätestens mit Anfang Dreißig für eindeutig genesen von dieser frühen Sehstörung.

Es dauerte dann aber doch noch eine ganze Weile bis die alten Informationen vollständig überschrieben waren. Ab 2015 gab es für einen relativ kurzen Zeitraum ein Label aus New York, das sehr viele verschiedene Frauen in sehr teurer Unterwäsche in ungewöhnlich bequemen Bewegungen ablichtete. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal auf eines dieser Fotos stieß und irritiert war. Wie ich am nächsten Tag zu dem Onlineshop zurückkehrte, um noch einmal alle Frauen anzusehen und das dann jeden Tag gemacht habe, monatelang. Einen ganzen Herbst und einen ganzen Winter. Bis irgendwann im Frühjahr das Bedürfnis, die Bilder zu sehen, nicht mehr ganz so dringlich schien und ich nur gelegentlich auf der Seite verweilte; eine Art Erhaltungsdosis.

Und dann die Mittagspause im Sommer darauf, als eine Kollegin etwas Abwertendes über ihren eigenen Körper sagte und ich zusammenfuhr vor Schreck und Verblüffung. Ich habe ihre Aussage nicht mit einer gut gemeinten Entgegnung korrigiert. Ein Kompliment kann nicht ersetzen, was sechs Monate Sehschule bewirken. Und einmal Erworbenes kann wieder verloren gehen.

Wenn ich an einer Herde vorüber gehe, die Hermeline übers Feld flitzen sehe, die Elstern auf der Dachrinne, denke ich, dass weder diese Tiere noch ich mir ausgesucht haben, worin wir gelandet sind. Und es nahe liegt, sich zu verbünden. Ein jedes Wesen mit seiner Form.

Sylvia Plath

Der Blutstrom ist ein Gedicht
stillen kann man ihn nicht

…, dass wir nicht wussten voneinander

Kurz darauf werde ich 42 und entschließe mich, den Tag allein zu verbringen. Es ist ungewöhnlich warm, ich ziehe Sandalen an und gehe übers Feld ins nächste Dorf und von dort an den Kuhweiden vorbei den Hang hinunter. Eine kleine Weile laufe ich unter Fichten und Buchen, dann öffnen sich die Baumgruppen und das Schilf beginnt.

Das Schilf ist eigentlich ein Moor oder ein unterirdisches Delta oder ein Moos. Jeder, der in der Nähe wohnt, bezeichnet es anders. Am Rand des Schilfs leben Tagpfauenaugen und Zitronenfalter zusammen mit einigen Tausend Bienen entlang einer sehr feuchten Wiese. Auf der gegenüberliegenden Seite der Wiese verläuft ein Bach. Dieser Bach wird von einem Biber bewirtschaftet. Der Biber staut und verlegt seit mehreren Jahrzehnten das Wasser, was neben den Bodenbedingungen vielleicht das unterirdische Delta, Moos, Moor oder Schilf erst hat entstehen lassen.

Stellenweise ist das Schilf verlandet, hier wachsen Schlüsselblumen, niedrige Birken und Weiden und hier führt ein Weg in eine Gegend, in der meine Definitionen ermüden und versickern. Vielleicht liegt es an dem unklaren Untergrund, dem Nachgeben des Bodens, dem ungewöhnlich warmen Tag. Ich lege mich an das Bachbett und verhalte mich ruhig im vagen Wunsch, der Biber möge an mir vorbei schwimmen und ich ihm dabei zusehen können, wie er einen Baum fällt.

Während ich mich ruhig verhalte schlafe ich ein. Als ich aufwache habe ich einen leichten Sonnenbrand und fühle mich mir selber nah. Ich fühle mich eindeutig innerhalb meines Körpers und eindeutig innerhalb meines ichs. Ich betaste meine Wangen und meine Arme. Ich bin ganz klar umrissen und aufgehoben auf sehr leibliche Art. Aufbewahrt.
Nach vier Wochen, in denen ich jeden Tag mit Schmerzen an den verstorbenen Jungen gedacht habe, bemerke ich, dass ich selbst noch hier bin. Auf der Erde. In mir.

Auf dem Rückweg bin ich durstig und hungrig. Ich bin viel länger im Schilf geblieben als geplant und kann mich auch jetzt nur schwer losreißen. Im Wald biege ich aus einer Kurve kommend an den Fichten ab und zum Feldweg ein.
Im Gras, rund dreißig Meter von mir entfernt, steht ein Fuchs und sieht mich an. Ich bleibe stehen und schaue zurück. Er ist unfassbar schön. Sehr rot. Und auf elastische Weise entspannt.
Einen kurzen Moment stehen wir beide so. Dann entscheidet etwas in ihm, das Weite zu suchen, er dreht sich um und verschwindet im Unterholz.

Dann geschieht Folgendes in folgender Reihenfolge

Mein Cousin stirbt an Corona. Einen Tag darauf beginnt Putin einen Krieg in der Ukraine. Wir fahren zu der Beerdigung des Cousins. Wir sprechen über ihn, über die Ukraine und fahren zurück. In München helfe ich bei der Unterkunftsvermittlung für Geflüchtete. Tagsüber treffe ich Familien aus Charkiw, nachts versuche ich mich davon abzuhalten, Kriegsvideos anzuschauen.

Am Sonntagabend ruft eine Freundin aus P. an. Sie sagt, sie steht in der WG ihres Sohnes. Der Junge liegt tot in seinem Bett.
Ich gebe meinen Kollegen Bescheid, organisiere Vertretung, packe eine Tasche und fahre zu ihr. Als ich ankomme und sie auf mein Läuten nicht sofort öffnet, ziehen meine Ängste auf die Überholspur und für die Dauer einer Minute glaube ich, den Verstand zu verlieren. Dann öffnet sie und der Hund springt an mir hoch. Wir sitzen in ihrer Küche, in ihrem Wohnzimmer, auf dem Teppich.
In den nächsten 48 Stunden sprechen wir mit Polizisten, Sozialarbeitern, Sachberbeitern und Bestattern. Ich recherchiere Antragsverfahren und Zuständigkeiten, organisere Transporte, Fahrer, Helfer und Kartons. Als es dunkel wird laufe ich auf eine Anhöhe über der Stadt und rolle mich auf der Wiese zusammen.

Am Tag darauf kommt ein Anruf, die offizielle Freigabe: wir dürfen noch einmal in seine WG, in das Zimmer. Der Junge war 19 Jahre alt.
Ich bin seine Patentante. In meinem Kalender steht für den Sommer: Mit N. in die Berge gehen.

Ich fahre zurück. Wegen Zugausfällen bin ich acht Stunden unterwegs. In der Arbeit startet am Tag meiner Rückkehr die gefürchtete Neuansetzung des Etats. Ich habe drei Tage Zeit, sehr viel Geld auf hunderte neu entstandene Posten zu verteilen, Unregelmäßigkeiten zu überprüfen und alle nötigen Emails zu schreiben. Zwischendurch ruft immer wieder der Bestatter an. Er will Garantien. Er will Änderungen. Meine Kollegen werden krank. Ich mache Überstunden. Dann packe ich wieder eine Tasche und fahre zu der Beerdigung. Ich treffe auf Menschen, die ich zwanzig Jahre lang nicht gesehen habe. Hinten in der Halle stehen Jungs und Mädchen, die mit ihm gefeiert haben in der Nacht vor seinem Tod. Die Trauerrednerin verneigt sich vor dem Sarg. Es ist 1 Grad und sehr kalt.

Das alles ist nur erträglich, weil ich fühlen kann, was passiert, während all das passiert. Weil ich nicht mehr hart bin und nicht allein. Ich weine in der U-Bahn und im Zug. Im Wald, im Auto, im Flur. Bei der Etatverteilung und beim Abschließen des Büros, während ich seine letzten Nachrichten an mich lese, während die Sargträger vor uns herlaufen und als jemand in der ersten furchtbaren Stunde eine Hand auf meinen Rücken legt. Es ist erträglich, weil Fremde und Freunde sofort bereit sind, etwas zu tun, etwas zur Verfügung zu stellen, auf irgendeine Weise dabei zu sein. Ich kann nicht beurteilen, ob es für die Mutter erträglich ist. Ich vermute, nicht.

do not go gentle into that good night

Während andere es sich nicht mehr leisten können, waffenunkundig zu sein, bin ich hier. Ich warte auf die Brandung. Die Brandung kommt. Ich trage in Eimern weg, was ich kann. Suche, jedem in die Augen zu schauen. Kein Wort zu sagen, über niemanden. Zu handeln, als sei kein Mensch von mir getrennt, unsere getrennten Körper nur ein Missverständnis. Solange es Tag ist, glaube ich das. Erst nachts sehe ich mir die Bilder an. Denke und fühle in Feindbildern. Es braucht nur ein wenig Müdigkeit, um allen Glauben aufzuheben. Ich kann nur hoffen, immer wieder wach zu werden.

Navid Kermani

Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.

Die genaue Stunde

Wir werden mehrmals gewarnt, das Update nicht während der Arbeitszeit zu installieren. Es könne zu mehrstündigen Zeiteinbußen kommen. Eine kleinteilige Handlungsanweisung will uns davor bewahren, gängige Fehler zu machen, Daten zu verlieren, untätig herumzusitzen. Dann meldet die IT Verzögerungen, das Update wird einige Wochen lang nicht bereitgestellt und gerät in Vergessenheit.

Heute sitze ich versonnen an einer Analyse und klicke ein paar Systemmeldungen weg, wenige Sekunden bevor sich der PC bei mir für das Okay zum Update bedankt und mich verabschiedet.
Es ist ein sonniger Tag. Ich gehe auf den Dachgarten.

Der Dachgarten des Instituts ist übersät mit bodendeckenden Sukkulenten, Moos und dem Flor der jeweiligen Jahreszeit. Außer mir ist niemand hier. Ich weiß nicht warum. Der Brandschutzbeauftragte hat den Aufenthalt ausdrücklich genehmigt.
An die aufgewärmte Gebäudewand gelehnt schließe ich die Augen, spüre keinen Hunger oder den Impuls, etwas zu bedenken. Ich rutsche in die totale Absichtslosigkeit. Das gelingt mir nicht oft. Ich betrachte es nicht als Verdienst, wenn es eintritt. Aus dem Lüftungsschacht ist ein stetes sanftes Rauschen zu vernehmen. Weiter unten der Verkehr.

Dieses Gebäude wird bald weg sein. Die Wand an der ich lehne und alles dahinter, darunter und darin. Es ist ein Jammer, denn es ist ein gutes Haus.
Gebaut in den 70’ern, voller Fehler, voller Ineffizienz. Teppiche in den Fluren und Teppiche in den Büros. Verschwenderisch in der Bemessung und protzend, wo es niemand sieht. Als sollte jede Schreibkraft sich als Herrin ihres Korridors fühlen. Beinfreiheit und lederne Freischwinger, Sitzgruppen und Einzelzimmer, dunkles Holz und dunkler Stein vor schwer ins Schloss fallenden Türen, dahinter Archive und verschwiegene Lichthöfe.

Der Abriss kommt. Er ist beschlossen, bezahlt und durch alle Instanzen gegangen. Er verzögert sich zwar und gibt mir Gelegenheit hier noch eine Weile rumzustehen, doch kommen wird er, wie das Update, auch wenn die Stunde, in der es passiert, eine Überraschung ist. Ein bisschen Verblüffung. Der Abend, an dem wir tatsächlich die Mäntel vom Haken nehmen und gehen.

Vollmond. 21 Uhr.

Über der gesamten Länge der Hackerbrücke sitzen Jugendliche auf den genieteten Querstreben der Eisenträger, lassen ihre Beine in Richtung der Gleise hängen, Alkohol aus Plastikbechern, am Boden liegt zerbrochenes Glas, aber niemand hat es böse gemeint. Die Stimmung ist insgesamt gut, das geglückte Erklettern der Eisenstreben, der Akt des sich hinauf Schwingens und von helfenden Händen hochgezogen Werdens, hat bereits einiges an Berührung mit sich gebracht.

Brüder Karamasov

Aber was soll mir solche Rache, was soll mir die Hölle für die Peiniger, was kann die Hölle da korrigieren, wenn die Opfer schon gemartert sind?

Deine andere Form

Vor einigen Wochen bin ich umgezogen. Mitten im Lockdown. Mitten im Schneetreiben. Ich bin in eine Gegend gezogen, in der nicht viele Menschen leben. Im Winter ist es hier ab 17 Uhr finster. Wenn es schneit, ist kein Weg und keine Straße zu erkennen. Nachts trete ich vor das Haus und pflüge zu den weißen Hügeln. Nichts bewegt sich. Nichts mit menschlichem Auge Auszumachendes. Es ist zu windig, um länger auszuharren.
Dann ist es Februar. Die Wiese dampft.
Wo im Vorjahr Heu geerntet wurde, liegen nass und gebogen die gelben Halme. Dazwischen steht, direkt auf dem Feld, ohne Versteck und leuchtend weiß; ein Hermelin. Ich habe lange darauf gewartet, an einem Ort zu leben, wo so etwas existiert.

Durchhalten

Geträumt, dass ich Alexej Nawalny in einer Altbauwohnung verstecke, die ich extra zu diesem Zweck angemietet habe. Aufwendige Sicherheitsvorkehrungen (Schlüssel, Code, Klopfzeichen) werden von mir getroffen.
Dummerweise verschaffen sich ein Dutzend Feiernde aus dem Erdgeschoss Zugang zu der Wohnung. Sie finden die Idee, jemanden zu verstecken, witzig, wollen auch behilflich sein, verkennen aber den Ernst der Lage.
Als Alexej Nawalny eintrifft, überreisst er mit einem Blick die Situation und sagt: Hier kann ich nicht bleiben.

Foto: Alexej Nawalny © Simonovsky District Court/​Reuters, Zeit online, 02.02.21

(Saadi)

Alles ist schwierig, bevor es leicht wird.

Du

Lieber Lieferando-Mensch,

ich weiß nicht, ob du ein Mann oder eine Frau bist. Ich nehme dich als beides wahr. Von meinem Platz in der Bibliothek sehe ich zu dir hinüber ins Geschichtsregal. Du machst deine Pause hier, nehme ich an. Der orangefarbene Rucksack zu deinen Füßen ist zusammengesackt, während du, versunken wie ich es selbst nicht sein kann, deinen Blick nicht hebst vom Buch in deinem Schoß. Du schläfst nicht. Das Seitenblättern ist hörbar, selbst als jemand einen Gang weiter verbotenerweise telefoniert. Ich kann den Titel deines Buchs nicht erkennen, weiß aber, dass es sich um den 1. Weltkrieg handelt, in den du dich vertiefst. Die Umschläge der Bücher sind mir vertraut, ich kenne alle himmelblauen, zumindest vom Sehen. Lass dich nicht stören. Auch nicht von mir. Sie sei dein Ruhekissen, diese Bibliothek, Zuflucht vor den Straßen der Stadt, und Beschreibung der Kriege, die hinter uns liegen.

Foto: blimami-bringen.com

Hier

Baustelle

Ich mache eine Verwandlung zur Baustellenbeobachterin und an Baustellen Herumsteherin durch. Kann mir vorstellen, mich demnächst zu einer Gruppe Männer zu gesellen und ihnen die Baustelle zu erklären.

Der erste Morgen

Die Kiefernwälder hinterm Strand sind ausgeräumt von Bewegung, vor zugenagelten Campinghütten liegen tausend Zapfen auf dem Sand. Ich steige die Anhöhe hinauf, gehe auf die Lichtung zu; trockener Grasbewuchs, noch mehr Sand. Zwischen den Zapfen auf dem Rücken liegend mache ich kein Foto, weil es nicht wiedergeben wird, was hier vor sich geht. Licht in den Kronen, Wärme am Boden gestaut. Es ist leise.

Das Meer - laut und lächerlich groß.
Ich bin in der Nähe eines Waldes aufgewachsen.
Der Versuch das Meer in mir unterzubringen misslingt, ich schaue immer wieder hin, verstehe es aber nicht. Ich habe kein eindeutiges Gefühl zu dieser Menge Wasser. Automatisch entferne ich mich davon und gehe zu den Kiefern.

Eine wohlgenährte Hummel lässt sich auf mir nieder, rund und pelzig.
Kiefern sind im Gegensatz zu Tannen von solcher Erhebung. Der leichte Bewuchs beginnt erst sehr hoch, im oberen Viertel des Baumes. Bis dorthin steht der rote Stamm ohne Astwerk. Lichtbahnen fallen ungestört bis runter auf mich, die ich an der Wurzel liege.

Kiefern. Es ist doch klar, dass bei solchen Bäumen andere Menschen herauskommen, als in den Tannengrüften Süddeutschlands.

Der Waldboden sinkt unter meinen Schritten ab und stellt sich hinter mir wieder auf. Hier deckt kein nasses, verschleimtes Laub die Erde unter Farnen.
Das ist ein Wald auf einem Strand.

Bei Einbruch der Dunkelheit die Diskothek Hyperdome. Keiner feiert. Ob überhaupt noch Strom fließt? Schatten vor den geschlossenen Türen. Ein leerer Parkplatz. Der Himmel kippt, Wolken schieben sich rein, Horizontfiktion.
Die Freundin und ich laufen hier herum. Es ist alles gerade so durcheinander in ihr. In mir gerade nicht. Das kann beim nächsten Mal anders sein, wenn wir uns sehen.